Tausende Kirchenglocken haben am Samstag in ganz Württemberg die zentrale Trauerfeier eingeläutet, bei der hunderte Trauergäste der 15 Opfer des Amoklaufs von Winnenden gedachten. Sichtlich bewegt erinnerte Bundespräsident Horst Köhler an die schrecklichen Folgen des Amoklaufs. "Nichts ist mehr, wie es war", sagte er beim Staatsakt im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst in der Kirche St. Karl Borromäus vor 900 Trauergästen. "Ja, viele von uns vergehen vor Schmerz. Aber solange wir einander trösten können, ist unser Leben nicht trostlos. Ja, wir können keinen Sinn in dieser Tat erkennen. Aber solange es Menschen gibt, die uns brauchen und auf die wir achten, solange wir eine Aufgabe haben, ist unser Leben nicht sinnlos."

Bei der Ansprache vor der Trauergemeinde, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger und viele andere Spitzenpolitiker, stockte Köhlers Stimme mehrmals, wurde brüchig, er war sichtlich um Fassung bemüht. Er dankte den Polizisten für ihr rasches Eingreifen während des Amoklaufs. "Wir haben großen Respekt vor der Tapferkeit der örtlichen Polizeibeamten, die hier in Winnenden mit hohem persönlichem Risiko noch Schlimmeres verhindert haben." Das rasche Eingreifen sei auch eine Konsequenz aus früheren Amoktaten gewesen.

Zum Abschluss seiner Rede sagte der Bundespräsident: "Liebe Trauernde, meine Frau und ich, wir wünschen Ihnen Kraft und Zuversicht. (...) Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein."

Zuvor hatte der evangelische Landesbischof Frank Otfried July auf die christliche Hoffnung für die Opfer und für den Amokläufer verwiesen: "Wir schweigen auch den Täter dieser furchtbaren Mordtaten (...) nicht tot", sagte July. Abgeschieden von den Opfern werde auch sein Leben vor Gott gestellt. Nach Ansicht des katholischen Bischofs Gebhard Fürst ist es zehn Tage nach dem Amoklauf noch zu früh, Rezepte für künftiges Verhalten zu formulieren. "Jetzt ist die Zeit zum Weinen, zum Klagen, zum Trauern", sagte Fürst in seiner Predigt.

In einem bewegenden Moment wurde jeder Name der Opfer einzeln vorgelesen. Zwei Jugendliche brachten eine Kerze mit dem Vornamen durch den langen Mittelgang der Kirche nach vorn, zündeten sie an und stellten die Kerze zusammen mit einer gelben Rose auf den Altar.

Zu Beginn des Staatsaktes zitierte Astrid Hahn, Rektorin der Albertville-Realschule, Martin Luther King: "I have a dream - Ich habe einen Traum". Zum Zeichen ihrer Anteilnahme trugen viele Schüler schwarze T-Shirts, auf denen dieser Satz in grüner Farbe gedruckt war. Mit Blick auf die Opfer sagte die Schulleiterin: "Auch diese Menschen, die aus unserer Mitte gerissen wurden, hatten einen Traum. Dann kam der 11. März 2009." Zum Zeichen legten Jugendliche acht Projektarbeiten der Schule, darunter ein Gesteck mit gelben Sonnenblumen, vor den Altar. Am Ende der rund zweistündigen Trauerfeier kamen alle Besucher aus den Kirchbänken und nahmen sich bei den Händen.