Abschied von den Opfern

Um an der Trauerfeier teilzunehmen, musste man ins örtliche Stadion. Von allen Seiten strömen die Menschen an diesem sonnigen Samstagmorgen ins Herbert-Winter-Stadion in Winnenden, vorbei auch an der Albertville Realschule. Lange schwarze Bänder sind vor der Schule aufgespannt, der Boden ist voll mit Blumen, Kerzen und Briefen.

Das Stadion ist gerüstet wie für ein Sportereignis, überall Kontrollen, Absperrungen und Sicherheits-Leute. Vorne steht eine Großbildleinwand, über die die Bilder vom Trauergottesdienst aus der Kirche St. Karl Borromäus flimmern. Die Bilder von den Politikern und die Bilder von den Schülern, die in schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift "We have a dream" in die Kirche gekommen sind. Die Bilder von den fünfzehn Kerzen auf dem Altar, für die acht Mädchen und den Jungen, für die drei Lehrerinnen und die drei Passanten, die Tim K. am Morgen des 11. März mit der Waffe seines Vaters erschoss, bevor er sich selbst tötete.

Für Tim K. gibt es keine Kerze. Viele wollen seinen Namen aus dem kollektiven Gedächtnis löschen. Die Familien von fünf getöteten Mädchen haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie fordern, dass der Name des Amokläufers in den Medien nicht mehr genannt wird. Zeitungsberichten zufolge wurde Tim K. bereits vor einigen Tagen eingeäschert und beerdigt, auf einem Waldfriedhof in einem anonymen Grab.

Winnenden, die Kleinstadt zwanzig Minuten von Stuttgart entfernt. Ein schmucker Ortskern mit schönen alten Häusern, rundherum Zweckbauten, Firmensitze, Autohäuser, Shopping Center. Der Journalist Clemens Wergin, der in Winnenden aufgewachsen ist, schrieb in der Welt , dass den meisten Leuten zu Winnenden der Reim "Winnenden-Spinnenden" einfällt, wegen des Psychiatrischen Krankenhauses von Winnenden. An dem Reim wird die Stadt jetzt schwerer zu schlucken haben. Winnenden steht in einer Reihe mit all den anderen Orten von Amokläufen, mit Jonesboro und Littleton, mit Erfurt und Emsdetten.

"Die ganze Stadt ist in einen Schleier der Trauer gehüllt", hat jemand auf einen der vielen Zettel vor der Schule geschrieben. Wohin man sieht, Kerzen, Blumen und schwarze Schleifen. In den Schaufenstern hängen Traueranzeigen, die Geschäfte haben geschlossen. Die Menschen sind verhalten und still.

In der Sporthalle gegenüber der Albertville Realschule stehen Tische und Stühle, dazwischen gehen Betreuer mit gelben Schildern auf und ab. Sie sprechen mit jedem, der reden will, und sie lassen die in Ruhe, die nicht wissen, was sie sagen sollen. Rotkreuz-Leute in ihren roten Jacken verteilen belegte Brote und schenken aus Thermoskannen Kaffee aus. Ihre Anwesenheit wirkt nicht verlegen, es hat eher etwas Routiniertes, Professionelles. Wie auf einer eingeschneiten Autobahn, wo die Autofahrer mit Tee und Decken versorgt werden müssen.

Abschied von den Opfern

Überhaupt fällt auf, wie geordnet der Ausnahmezustand von Winnenden ist. Kurz nach der Tat war bereits ein Stab von Psychologen in Winnenden, 50 Leute, die sich um die Lehrer und Schüler kümmerten. Das Kultusministerium Baden-Württemberg stellte Informationen zu Gewalt und Krisenintervention auf seine Homepage und verbreitete eine Broschüre mit dem Titel "Vom Umgang mit Trauer in der Schule". Darin steht, dass Lehrer mit den Schülern über den Tod sprechen sollen und die Schüler ihre Gedanken aufschreiben, Kerzen oder Blumen aufstellen sollen.

Aus der Stadt Erfurt waren zwei Leute aus der Stadtverwaltung und dem Kultusministerium nach Winnenden gekommen. Sie sind seit dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium 2002 Experten und standen den Winnendern zur Seite. Sie rieten ihnen, einen Verwaltungsstab aufzubauen, und zwar nicht nur für ein paar Wochen, sondern für ein halbes Jahr. Und sie stellten fest, wie gut organisiert Winnenden mit den Ereignissen umgeht: "Ihr seid nach zwei Tagen schon so weit, wie wir nach 14 Tagen waren."

Vor der Sporthalle gegenüber der Schule steht der bayerische Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein. Röthlein, ein besonnener Mann mit Vollbart, ist Sprecher des bayerischen Kriseninterventionsteams Kibbs. Kibbs ist ein Netzwerk von Schulexperten, das sich auf das Verhindern von Amokläufen spezialisiert hat. Die Kibbs-Leute wissen, dass Amokläufe nach einer bestimmten Dramaturgie verlaufen und dass die Täter sich lange darauf vorbereiten. Die Kibbs-Leute tagten auch gerade, als Robert S. am 26. April 2002 in Erfurt Amok lief. Wenig später waren einige von ihnen in Thüringen.

Auch Röthlein war dabei. Er weiß um die verschiedenen Phasen der Trauer in solchen Situationen. Am Anfang, sagt Röthlein, spüren die meisten Taubheitsgefühle am Körper, "und die Seele ist auch taub", eine Überlebensreaktion. Die kleinen Kinder haben Angst, dass die Eltern weggehen, oder träumen vom bösen Mann, der sie erschießt. Die älteren Jugendlichen ziehen sich zurück, machen die Vorhänge in ihren Zimmern zu, können nicht mehr zur Schule gehen, auch wenn sie wollten. Danach kommt die Unruhe und irgendwann die Verdrängung. 80 Prozent werden mit ihrer Trauer fertig, sagt Röthlein. Bei 20 Prozent bleibt etwas zurück. Meistens bei denen, die am nächsten dabei waren. Bei den Autofahrern, die im Stau standen, als Tim K. eine Geisel im Auto durch die Gegend jagte und im Radio durchgegeben wurde, dass ein Amokläufer unterwegs sei. Bei den Schülern, die gesehen haben, wie die Bahren mit den Toten aus der Schule hinausgetragen wurden.

Auf der Großbildleinwand im Stadion erscheint ein Moderator und sagt: "Trauer, das ist in unserer Gesellschaft eine Haltung, die gerne versteckt wird." In Winnenden findet die Trauer an diesem Samstag jedoch ihre größtmögliche Öffentlichkeit. Vor der Leinwand, vor der sich Tausende versammelt haben. Auf der Leinwand, auf der man die Spitzen des öffentlichen Lebens sieht, den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und sein gesamtes Kabinett. Diese öffentliche Trauer sei enorm wichtig, sagt Psychologe Röthlein. Es geht um moralisches Empfinden, darum, dass solche Taten von einer ganzen Gesellschaft geächtet werden.

Bevor Tod und Trauer von der Gesellschaft ausgeblendet wurden, war der Tod ein öffentliches Ereignis, schreibt der französische Historiker Philippe Ariès in seiner "Geschichte des Todes". "Nicht nur ein einzelner war dahingegangen, sondern die Gemeinschaft als ganze war getroffen und musste ihre Wunde heilen." Die Trauer in Winnenden erzählt davon, wie eine Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert ist. Ihre geschäftige Routine erzählt aber auch davon, dass eine Gesellschaft mit einem solchen Tod rechnen muss und rechnet. Dass Amokläufe geschehen können, so, wie andere Katastrophen auch.