Auch nach den jüngsten Rücktrittsforderungen wegen immer neuer Enthüllungen in der Datenaffäre sieht Bahnchef Hartmut Mehdorn keinen Grund, sein Amt abzugeben. Diese Frage stelle sich für ihn nicht, sagte er der Bild am Sonntag und verwies zugleich auf seine Erfolge als Konzernchef.

Die Bahn sei unter seiner Führung trotz der schlimmen Wirtschafts- und Finanzkrise gut aufgestellt. "Wir wollen in dieser Krise keine Mitarbeiter entlassen und schreiben gute Zahlen", sagte Mehdorn. Am Freitag war bekanntgeworden, dass der Konzern über Jahre hinweg die E-Mails seiner Mitarbeiter kontrolliert
hat. Die Bahn-Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL sowie Politiker von SPD und Grünen hatten daraufhin den Rücktritt des Bahnchefs gefordert.

Nach Ansicht Mehdorns sind diese Forderungen politisch motiviert: "Offensichtlich haben einige das Ziel, den eingeschlagenen Kurs der DB zu torpedieren und damit einen politischen Linkskurs durchzusetzen. Leider lassen sich einige für diese Ziele instrumentalisieren", sagte Mehdorn.

Er verwies auch darauf, dass die Untersuchung der Vorgänge um die Kontrolle der Mitarbeiter-Kommunikation noch nicht abgeschlossen sei. "Es gibt unverändert keine Hinweise, dass DB-Mitarbeiter in diesem Zusammenhang Straftaten begangen haben", sagte Mehdorn weiter. Schon gar nicht habe man illegal den Streik der Lokführer behindert.

Die Bundesregierung sieht sich angesichts der immer weiter um sich greifenden Spitzelaffäre inzwischen gezwungen, schneller über personelle Konsequenzen zu entscheiden als geplant. Ob die Kanzlerin und die große Koalition weiter an Mehdorn festhielten, sei offen, verlautete am Samstag aus Regierungskreisen. Offiziell erhielt der Bahn-Chef nach Rücktrittsforderungen der Gewerkschaften und der Opposition keine öffentliche Rückendeckung aus der Großen Koalition.

Die Bahn musste stattdessen weitere Unregelmäßigkeiten einräumen. Während des Lokführerstreiks 2007 sei eine E-Mail der Gewerkschaft GDL mit einem Streikaufruf gelöscht worden, bestätigte ein Sprecher. Die E-Mail an Tausende Adressen sei aber nicht herausgefiltert worden, sondern nach einem Serverabsturz entdeckt worden. Da der Streikaufruf aus Sicht der Bahn "rechtswidrig" gewesen sei, habe man diesen dann nicht weitergeleitet. Die GDL prüft nun strafrechtliche Schritte gegen Mehdorn und den Bahn-Vorstand wegen Verstoßes gegen das Post- und Fernmeldegesetz.

Die Bahngewerkschaften kündigten zudem an, den politischen Druck für eine Ablösung Mehdorns zu erhöhen und massenhaft auf die Straße zu gehen. "Zur Not mit ein paar Zehntausend Bahnern, die in Berlin für ein Ende dieses Schauspiels demonstrieren werden", sagte der Chef der Gewerkschaft GDBA, Klaus-Dieter Hommel, dem Tagesspiegel am Sonntag.