Das Verbrechen, das John Demjanjuk zur Last gelegt wird, ist ungeheuerlich: Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Menschen wirft ihm die Staatsanwaltschaft München vor. Der heute 88-Jährige gehörte der SS-Wachmannschaft des Konzentrationslagers Sobibor im damals von Deutschland besetzten Polen an. Er soll in dem Vernichtungslager ein Teil der Mordmaschinerie gewesen sein; schuldig an der Tötung wehrloser, rechtloser und chancenloser Opfer.

Noch lebt Demjanjuk in den USA. Amerikanische Behörden haben ihm bereits die US-Staatsbürgerschaft aberkannt. Die amerikanische Justiz will ihn ausliefern, unklar ist, ob der Angeklagte gesund genug für einen Flug ist.

Mord verjährt nicht, ebenso wenig die Beihilfe zum Mord. Deswegen müssen sich auch 64 Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches NS-Kriegsverbrecher vor Gericht verantworten. Doch die meisten Täter, denen es gelang, sich der Justiz zu entziehen, sind bereits gestorben. Und auch die Mehrzahl ihrer Opfer, die Vernichtungslager und Zwangsarbeit überlebten, sind bereits tot.

Demjanjuk könnte einer der letzten NS-Verbrecher sein, der für seine Untaten bestraft wird. Der gebürtige Ukrainer wanderte 1952 mit seiner Frau nach Übersee aus. Bei seiner Einreise verheimlichte er, dass er zu den Trawnikis gehörte, eine Unterstützungstruppe der SS, die aus sogenannten "fremdvölkischen Hilfswilligen" gebildet und nach einem Zwangsarbeiterlager in Polen benannt wurde. Unter deutschem Kommando ermordeten die Trawnikis in den osteuropäischen Gettos Tausende Juden und dienten als Wachen in Konzentrationslagern.

Bei seiner Einreise behauptete Demjanjuk jedoch, den Krieg in Polen verbracht zu haben. In Nordamerika nahm er den Vornamen John an und legte Iwan Nikolajewitsch ab. Mit dem Namenswechsel versuchte er auch, seine Vergangenheit abzustreifen. Er arbeitete für den Autobauer Ford in Cleveland, baute sich eine bürgerliche Existenz auf. Als US-Ermittler herausbekamen, dass John Demjanjuk der SS gedient hatte, verlor er seine Staatsangehörigkeit.

Die USA lieferten ihn 1986 nach Israel aus. Überlebende des KZ Treblinka hielten ihn für "Iwan den Schrecklichen", einen sadistischen Folterer in diesem Konzentrationslager. Ein Gericht verurteilte Demjanjuk 1988 und verhängte die Todesstrafe. Der Verurteilte ging in Berufung.

Fünf Jahre später musste die israelische Justiz das Urteil aufheben: Bis dahin unberücksichtigte Dokumente ließen Zweifel aufkommen, ob Demjanjuk wirklich "Iwan der Schreckliche" war. Eine Verwechslung schien möglich. Dass er SS-Wächter war, wenn auch nicht in Treblinka, stand hingegen fest. Das Urteil wurde aufgehoben und Demjanjuk kehrte in die USA zurück.

Dort ermittelte eine Behörde zur Überprüfung von Nazi-Verbrechen weiter gegen ihn. Die amerikanischen Beamten fanden heraus, dass Demjanjuk in den Konzentrationslagern Sobibor, Flossenbürg in Bayern und Majdanek in Polen zu der Wachmannschaft gehörte. Die USA versuchten daraufhin, ihn nach Europa abzuschieben.

Polen und die Ukraine lehnten das Angebot der USA ab, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen. In Deutschland ermittelte die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in  Ludwigsburg gegen Demjanjuk. Dessen Leiter Kurt Schrimm übergab ein mehrere Hundert Seiten umfassendes Dossier an das zuständige Gericht in München. Dortige Richter erließen einen Haftbefehl gegen den gebürtigen Ukrainer.

"Wir haben Demjanjuks Zeit in Sobibor untersucht. Ein wichtiges Beweisstück ist sein damaliger Dienstausweis", sagte Schrimm gegenüber ZEIT ONLINE. In den USA bestätigten Gutachter dessen Echtheit, und auch deutsche Experten stellten fest, dass der Ausweis Demjanjuk gehörte. Mithilfe des Dokuments lässt sich beweisen, dass Demjanjuk in Sobibor gedient hat. Die Fahndungsstelle in Ludwigsburg recherchierte dann, wie viele Menschen dort in dieser Zeit ermordet wurden. "Wir haben sogar die Namen der meisten Getöteten herausfinden können", sagt Oberstaatsanwalt Schrimm. "Es waren mindestens 29.000 ermordete Menschen."

Da es keine lebenden Zeugen mehr gibt, bleibt den Fahndern nur das Aktenstudium. So lässt sich keine Schuld Demjanjuks an Einzeltaten nachweisen. Doch alle Wächter waren Teil des Vernichtungssystems Konzentrationslager. "Jeder Aufseher wusste, was in dem Lager passierte", sagt Schrimm. "Jeder musste Dienst in der Gaskammer machen und die Leichen herausholen. Keiner kann behaupten, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben."