"Abschreckung hilft nicht" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Wieder einmal sind hunderte Flüchtlinge aus Afrika vor der libyschen Küste ertrunken. Wieso nehmen wir die fast tägliche Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer nur wahr, wenn besonders viele Menschen gestorben sind?

Thomas Faist: Dies war eine besondere Katastrophe. Aber ähnliches spielt sich im Kleinen immer wieder ab. Die Medien berichten regelmäßig darüber. Aber größere Aufmerksamkeit erreicht das erst, wenn es Bilder von solchen Unglücken gibt. Denn die Bilder sind das, was wir wahrnehmen.

ZEIT ONLINE: Woher kommen die Flüchtlinge und weshalb nehmen sie diese große Gefahr auf sich?

Faist: Die Menschen, auch die, die jetzt ertrunken sind, haben meist schon einen langen Weg hinter sich. Viele stammen aus den Ländern südlich der Sahara. Sie sammeln sich in Küstenstaaten wie Libyen, um sich von dort auf den Weg zu machen. Die meisten Afrikaner aber, die nach Europa gelangen, kommen nicht über das Meer. Zweidrittel reisen als Asylbewerber oder Touristen ein, tauchen unter und finden häufig einen Schwarzarbeits-Job.

ZEIT ONLINE: Dennoch hat die Zahl der Bootsflüchtlinge in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Faist: Ja. Diesen gefährlichen Weg wählen diejenigen, die keine Möglichkeit haben, legal nach Europa einzureisen, die nicht das Geld dafür haben und die nicht über die notwendigen sozialen Kontakte verfügen. Das bedeutet aber nicht, dass es die Ärmsten der Armen sind, die keine andere Chancen mehr sehen. Oft schicken afrikanische Familien ein Mitglied auf die Reise, das dann von Europa aus Geld an die Familie schicken soll, die sonst kein Auskommen hat. Die Familien zahlen dafür tausende Dollar an Schleuser und Menschenschmuggler, damit die Migranten überhaupt nach Libyen, Mauretanien, Marokko oder Tunesien kommen. Das sind also nicht die ganz Armen.

ZEIT ONLINE: Im Grunde sind es also gar nicht unbedingt Flüchtlinge, die vor einem Bürgerkrieg oder absoluter Armut fliehen, sondern eher Arbeitsmigranten.

Faist: Das sind rechtliche Kategorien, die nicht weiterhelfen. Welche Gründe die Menschen veranlassen, ihre Heimatländer zu verlassen, ist oft schwer abzuschätzen. Das können Bürgerkriegswirren sein, wie in Somalia, oder eine verschlechterte wirtschaftliche Lage. Die allermeisten Flüchtlinge allerdings gibt es innerhalb Afrikas. Nur ein kleiner Teil sucht das Heil in Europa, meist diejenigen, die es sich irgendwie leisten können. Sie schicken dann Geld an ihre Familien, zum Beispiel für das Schulgeld von Nichten und Neffen oder für Krankenhausrechnungen. Milliarden Euro und Dollar fließen so jedes Jahr zurück.

ZEIT ONLINE: Europa versucht seit Jahren, sich gegen den Strom der Flüchtlinge und Migranten abzuschotten, mit verstärkten Kontrollen auf See und Abkommen mit den Ländern, von denen aus die Flüchtlingsboote in See stechen. Aber ohne Erfolg. Ist diese Strategie der Abschreckung gescheitert, zu der auch die Einschränkung des Asylrechts gehörte?

Faist: Zumindest die Zahl der Asylsuchenden ist stark zurückgegangen. In Afrika hat es sich herumgesprochen, dass es nur noch wenig Chancen gibt, in Europa Asyl zu erhalten.

ZEIT ONLINE: Aber dafür kommen die Menschen eben jetzt auf anderem Wege.

Faist: Ja, aber selbst wenn man die Bootsflüchtlinge einrechnet, die abgefangen werden, sind es insgesamt weniger als früher, als Asylbewerber kamen. Dennoch: Wer legale Migration verhindert, fördert illegale Einwanderung.

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ZEIT ONLINE: Was wäre die Alternative: Die Tore für gezielte Einwanderung zu öffnen?

Faist: Das würde ich befürworten. Aber nicht, weil es dann weniger illegale Migranten und Bootsflüchtlinge gäbe. Denn offizielle Einwanderung ermuntert auch immer die heimliche - bei denjenigen, die es auf offiziellem Weg nicht schaffen. Eine gesteuerte Einwanderungspolitik würde es jedoch ermöglichen, mit den afrikanischen Herkunftsländern auf Augenhöhe zu verhandeln und zu kooperieren. Bei der derzeitigen Abschreckungspolitik der EU werden die Länder nur vor die Wahl gestellt, bei den Grenzkontrollen mitzumachen, gegen finanzielle Entschädigungen, die als Entwicklungshilfe getarnt wird, oder sich zu verweigern und Sanktionen zu befürchten. Diese Art des Umgangs stößt in Afrika auf breite Ablehnung. So ist die EU auch mit ihrer gut gemeinten Absicht gescheitert, zum Beispiel in Mali ein Zentrum für Migration einzurichten. Das wird dort nur als Teil der Abschreckungspolitik gesehen.

ZEIT ONLINE: Ist es in Zeiten der Globalisierung überhaupt noch möglich, Migrationsbewegungen zu steuern?

Faist: Man kann sie steuern, aber nur den legalen Teil. Bootsflüchtlinge zum Beispiel wird man nie ganz verhindern können, vor allen dann, wenn die Möglichkeiten zur offiziellen Einwanderung zu gering sind.

ZEIT ONLINE: Also müssen wir auch mit weiteren Flüchtlingskatastrophen rechnen?

Faist: Ich fürchte, die wird es weiterhin geben. Wenn das Erschrecken über dieses humanitäre Desaster nicht genutzt wird, um über die Migrationspolitik insgesamt noch einmal ganz neu nachzudenken, wird sich daran auch längerfristig wenig ändern.

ZEIT ONLINE: Viele Organisationen fordern jetzt wieder einmal mehr Entwicklungshilfe für die Herkunftsländer, damit sich von dort weniger Menschen auf den gefährlichen Weg nach Europa machen.

Faist: Mehr Entwicklungshilfe für diese Staaten ist unbedingt notwendig. Kurzfristig ist das aber kein Mittel, um Migration einzudämmen. Denn wenn Menschen wirtschaftlich in die Lage versetzt werden, frei über ihr Leben zu entscheiden, dann können sie sich auch entscheiden auszuwandern. Mehr Entwicklung zieht deshalb auch mehr Migration nach sich. Das war im Europa des 19. Jahrhunderts auch nicht anders.

Thomas Faist ist Leiter des Centers on Migration, Citizenship and Development an der Universität Bielefeld

Die Fragen stellte Ludwig Greven