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Von Sonntag an bleiben noch 252 Tage bis zur Weltklimakonferenz in Kopenhagen. Dann entscheidet es sich, ob die Rettung der Klimapolitik gelingt. In Kopenhagen wollen und sollen sich im Dezember rund 190 Staaten auf Regeln einigen, um die Erderwärmung zu begrenzen. 252 Tage vorher, an diesem Sonntag, beginnen am Sitz des Uno-Klimasekretariats in Bonn die Verhandlungen, zu denen 2000 Teilnehmer erwartet werden. Es werden sehr zähe Verhandlungen – doch ihr Ergebnis wird das Schicksal von Hunderten von Million Menschen beeinflussen.

Gegenwärtig wirtschaftet die Menschheit so, dass die globale Mitteltemperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts womöglich um sechs Grad ansteigt. Die Gründe dafür: Es werden zu viele fossile Energien – also Kohle, Öl und Gas – verbrannt. Es wird zu viel Wald vernichtet. Und obendrein werden Äcker und Weiden auf klimaschädliche Art bewirtschaftet.

Ändert sich das nicht, sieht die Erde bald anders aus, zum Nachteil der Menschen: Rund jeder Zehnte der gegenwärtig fast 6,8 Milliarden Menschen könnte zum Beispiel seine Heimat verlieren, weil der Meeresspiegel steigt.

Die Gefahr ist erkannt, aber nicht gebannt. Das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz, auf das sich die Staatengemerinschaft 1997 einigte, bremst den Anstieg der Treibhausgase kaum. Obendrein verlieren die Pflichten zur Emissionsbegrenzung, die das Abkommen rund drei Dutzend Industrienationen auferlegt, Ende 2012 ihr Gültigkeit. Danach findet, falls kein Nachfolgerabkommen getroffen wird, Klimaschutz nicht mehr statt.

Das wäre der Gau. Um das Schlimmste zu verhindern, müssen erstens die klimaschädlichen Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts mehr als halbiert werden. Zweitens muss die Trendwende bereits in den kommenden zehn Jahren erfolgen. Und drittens muss all das jetzt völkerrechtlich vereinbart werden – in den kommenden neun Monaten bis zur Konferenz in Kopenhagen.

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Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Nicht einig ist man sich darüber, wer in welchem Ausmaß und mit welcher Geschwindigkeit zur Emissionsminderung beizutragen hat. Bisher gibt es noch nicht einmal einen Verhandlungstext für ein zukünftiges Klimaabkommen. Die Zeit wird knapp.

Die Klimaverhandlungen, auch die in Bonn, finden derzeit in zwei Arbeitsgruppen statt. In der ersten, der Ad hoc Working Group Kyoto Protocol (AWG-KP) sind sämtliche Staaten vertreten, die das Abkommen ratifiziert haben. Es sind 183, unter ihnen China, aber nicht die USA. In diesem Kreis wird darüber gestritten, zu welchen Emissionsminderungen sich in Zukunft die Industriestaaten verpflichten sollen, die schon jetzt laut Kyoto-Protokoll ihre Treibhausgasemissionen zu begrenzen haben. Der Uno-Klimarat hält bis 2020 eine Emissionsminderung um 25 bis 40 Prozent für notwendig, wenn die Erderwärmung auf ungefähr zwei Grad begrenzt bleiben soll.

In der zweiten Arbeitsgruppe sind nicht nur die Staaten vertreten, die das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben, sondern darüber hinaus auch jene, die nur die Klimarahmenkonventionen ratifiziert haben. Hier sind die USA also mit von der Partie. Zur zweiten Arbeitsgruppe, der Ad hoc Working Group on Long-term Cooperative Action (AWG-LCA), gehören 192 Staaten.

Damit für die Zeit nach 2012 ein wirksames Klimaschutzabkommen zustande kommt, müssen sich die in der ersten Gruppe (AWG-KP) vertretenen Industriestaaten zu weitreichenden Emissionsminderungen bereit erklären. Darüber hinaus müssen aber auch die in der zweiten Gruppe (AWG-LCA) vertretenen Großemittenten, vor allem die USA und China, zu wirkungsvollem Kimaschutz bereit sein.

US-Präsident Barack Obama hat schon erklärt, die Emissionen der USA bis 2020 auf das Niveau von 1990 zurückzuführen. Gegenüber heute entspricht das einer Emissionsminderung um 16 Prozent –  damit bleiben die USA deutlich hinter der Marke zurück, die der UN-Klimarat für die Industrieländer genannt hat. Die Entwicklungs- und Schwellenländer werden in absehbarer Zeit ihre Emissionen nicht reduzieren können. Um aber das Klima zu retten, müsste ihr Treibgasausstoß "substanziell" niedriger sein als zu erwarten wäre, falls nicht gegengesteuert wird.

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Schon in den vergangenen Monaten haben Mitglieder der beiden Arbeitsgruppen Vorschläge über die Gestaltung der zukünftigen Klimaschutzpolitik zu Papier gebracht. Sie werden jetzt gesichtet und verdichtet. Am Ende des Prozesses soll ein offizieller Verhandlungstext stehen.

Das Bonner Treffen ist das erste von drei Treffen, die der Vorbereitung des Kopenhagener Klimagipfels dienen. Das zweite Treffen findet Anfang Juni ebenfalls in Bonn statt, das dritte Anfang Oktober in Bangkok. Verhandlungstexte müssen nach Beschlusslage der Uno spätestens beim zweiten Treffen in Bonn fertiggestellt werden.

Vieles hängt davon ab, ob die Industrieländer, die trotz Wirtschaftskrise noch immer reich sind, den weniger reichen Ländern mit Geld und Technologie helfen. Beides brauchen und beanspruchen die Schwellen- und Entwicklungsländer, um ihre Wirtschaft klimaverträglich umzubauen und sich an den bereits unvermeidlichen Klimawandel anzupassen.

Diesen haben während der vergangenen 200 Jahre fast ausschließlich die heutigen Industriestaaten verursacht. Dass sie den seit der Industrialisierung zu kurz gekommenen Nationen nun helfen, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Sie wird auch darüber entscheiden, ob ein neues Klimaschutzabkommen gelingt.