Bücher könnte man schreiben über Marvin Gaye. Tatsächlich ist Festung der Einsamkeit, der gefeierte Roman des Amerikaners Jonathan Lethem, an Gayes Leben angelehnt. Die Rapper von Fettes Brot haben sich auch was zusammengereimt: "Es gab mal einen großen Sänger, die Engel waren blass vor Neid / Er hat sich mit den Jahren verändert, die Nasenflügel eingeschneit. Sein Vater, der war schon länger diese Eskapaden leid / Da gerieten die beiden Männer mordsmäßig in Streit. Und ich weiß noch genau: es lief nur Scheiß im TV / Marvin, hörst du mich?"

Marvin wird mit dem Nachnamen Gay Jr. geboren. Das "e" fügt er erst später hinzu. Eine Hommage an sein Sängeridol Sam Cooke, der dasselbe getan hatte. Und eine Abgrenzung vom ungeliebten Vater. Außerdem: Welcher potente schwarze junge Mann will schon Gay heißen, im Amerika der späten Fünfziger? Gay steht schließlich für schwul. Wie in einem schlechten Roman wird das angehängte "e" zum bösen Omen. Wie Sam Cooke wird auch Marvin Gaye erschossen, von Marvin Gay ohne "e".

Ein schlechter Aprilscherz. Am 1. April 1984, tötet der strenggläubige Prediger seinen eigenen Sohn, einen Tag vor dessen 45. Geburtstag. Der Vater kann den ausschweifenden Lebensstil des Sohnes nicht mehr ertragen. Zu viele Frauen, zu viele Drogen. Dabei hatte Gaye Jr. ein triumphales Comeback hingelegt. Mit Sexual Healing aktualisiert er seinen Soul um synthetische Attraktionen und gibt den Erotic Elder Statesman für ein nachgewachsenes MTV-Publikum. Gay Sr. ist weniger amüsiert vom sexuellen Heilsversprechen.

Groschenroman, Aprilscherz, Operette, Drama – das Leben des Marvin Gaye hat einiges zu bieten. Eigentlich sieht sich der junge Marvin als Crooner auf den Spuren Frank Sinatras. Aber mit seiner Hautfarbe und dem gewinnenden Lächeln passt er besser ins Fach des jugendlichen Liebhabers in der Produktpalette des Berry Gordy. Der Motown-Patriarch baut Marvin zum Herzbuben der schwarzen Mädchen auf. Da kann er noch so steinerweichende Fassungen von Jazzstandards aufnehmen, da mag seine Version von Paul McCartneys Yesterday Kritiker, Agnostiker und andere Ungläubige zum Weinen bringen und zum Niederknien – die Charts erobert Marvin Gaye mit unbeschwerten Teenie-Hymnen: How sweet it is to be loved by you, You are my pride and you