Natürlich sagt es keiner, aber es geht immer um dieses eine Bild. Damals in Prag, ein Balkon, unten im Park Tausende zwischen Bangen und Hoffen, und dann tritt ein Mann auf den Balkon im Scheinwerferlicht und sagt die erlösenden Worte: "Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …" Hans-Dietrich Genschers nie ganz vollendeter Satz vor den geflüchteten DDR-Bürgern ist längst zur Ikone geworden. So einen Satz noch mal sagen können – ein Politikertraum.

In der großen Halle im Rüsselsheimer Opel-Werk sitzen Tausende zwischen Hoffen und Bangen. Hinten an der Wand die Leute von der Schicht, graue Arbeitshose, gelbe T-Shirts: "Wir sind Opel." Vorne die anderen, viele im Anzug. Ganz vorne hat einer ein Schild selbst gemalt: "Angie, du wirst uns doch nicht hängen lassen?" Auf der großen Leinwand an der Stirnwand laufen sehr alte Werbefilme. In einem zählt ein eloquenter Herr, der damals wahrscheinlich republikbekannt war, eine Herde Pferde. "… 37, 38, 39, 40!" Der Herr strahlt und klopft dem Opel Kadett auf die Flügelhaube. "40 muntere Pferde!" Vorne auf der Bühne nimmt der Kinderchor Aufstellung. Die Kanzlerin kann kommen.

Ob sich Angela Merkel überhaupt irgendwelchen Balkon-Träumereien hingibt, ist übrigens nicht bekannt. Dass dieser Dienstag auf keinen Fall der richtige Tag dafür sein würde, war aber vorher klar. Der Besuch im Opel-Stammwerk ist vor einem Jahr vereinbart worden, als die Welt noch in Ordnung war. Jetzt steht die Welt am Abgrund und Opel noch ein wenig dichter dran. Merkel hat zeitweise mit dem Gedanken gespielt, gar nicht hinzufahren, solange nicht wenigstens in Ansätzen klar ist, wie es weitergehen kann. Das hat sie sich schnell anders überlegt. "Ich dachte, es wäre ziemlich feige gewesen, wenn ich heute nicht gekommen wäre", wird sie später sagen.

Doch erst mal muss sie das Werk besichtigen: Fertigung am Band, der aktuelle Hoffnungsträger "Insignia" schwebt an der Decke entlang und wandert an Arbeitern vorbei, die hier eine Schraube anziehen und da einen Sitz reinheben; das Entwicklungszentrum, in dem alle Klein- und Mittelklassewagen des General-Motors-Konzerns entstehen; die geheime Halle mit den neuen Modellen. Es ist das übliche Programm und zugleich eine Demonstration: Sehen Sie, Frau Bundeskanzlerin, sehen Sie mit eigenen Augen, wie gut wir sind! Sie wollen uns doch nicht hängen lassen?

Als Merkel in die große Halle kommt, brandet Beifall auf. Eine Stimme aus dem Lautsprecher bittet um Aufmerksamkeit. Und dann singt der Kinderchor. Er singt das Lied vom Blitz, dem Firmensymbol. Wenn Merkel sich in dem Moment umgedreht hätte, dann hätte sie in starre Gesichter geblickt, und sie hätte Männer gesehen, in deren Augen Tränen standen. Das hier ist kein Kitsch. Das ist bitterer Ernst. Die Krise, heißt es oft, hat kein Gesicht. Hier hat sie tausende.

Als ob der Fall nicht ganz abstrakt und theoretisch schon schwer genug wäre! Opel ist längst vom Einzel- zum Musterfall dieser Krise geworden. An Opel werden alle Grundsatzfragen durchexerziert. Politisch ist die Lage der CDU-Kanzlerin infolgedessen am Rande der Aussichtslosigkeit. Im eigenen Lager laufen die Interessen geradewegs auseinander. Es gibt solche, die vor dem Präzedenzfall warnen: "Wenn wir Opel wirklich helfen würden, würden uns die anderen nicht schonen." Im Kanzleramt beschweren sich derweil die Lobbyisten anderer Branchen, dass die Regierung schon mit der Abwrackprämie die Autobauer ungerecht bevorzuge und den Leuten Geld aus der Tasche hole, das für neue Kühlschränke, Heizungsöfen oder Fernseher dann fehle. Es gibt überdies die Opel-Länder und die anderen. Die anderen haben ebenfalls fast alle Autostandorte.

Im Februar sprach VW-Chef Martin Winterkorn öffentlich aus, was sonst höchstens vertraulich vortragen wird: "Der Staat sollte sich da raushalten", hat Winterkorn mit Blick auf die Rüsselsheimer Konkurrenz gefordert. Das ist zwar eher komisch, weil VW nun wirklich alles andere als staatsfern ist. Aber zum Lachen konnten Merkels Leute es nicht finden. Zumal hinter dem flotten Spruch ja ein echtes Sachproblem steckt. Wenn der Staat Opel rettet, und sei es mit Bürgschaften, müssen dafür in einem Markt mit geschätzten 30 Prozent Überkapazität die anderen indirekt bluten.

Aber Opel nicht retten? Im Jahr der Bundestagswahl? Zehntausende Mitarbeiter in die Ungewissheit schicken, Zulieferer gleich mit? Der Konzern baut in Hessen, Niedersachsen, Thüringen und an der Saar – allesamt CDU-regiert, drei davon ihrerseits vor wichtigen Wahlen. Jürgen Rüttgers hat schon deutlich wissen lassen, dass er es als Kriegserklärung werten würde, wenn in Bochum die Bänder angehalten würden.

Auch Roland Koch hat einen eigenen Rettungsplan vorgelegt. Der Hesse ist als Landesvater in Rüsselsheim dabei. Er redet kurz, was ihm einerseits dankbaren Applaus für den Satz einbringt: "Wir wollen Opel nicht verlieren", andererseits ein irritiertes Tuscheln und Zischeln. Koch macht nämlich auch klar, wo er die Grenze der Hilfsbereitschaft sieht: "Wir kämpfen gemeinsam um unser Unternehmen – aber nicht, indem wir unsere Träume verstaatlichen." Bürgschaften für einen Privatinvestor okay, aber mehr nicht. Das Problem ist nur, dass ein solcher Privatinvestor nicht so recht in Sicht ist – oder allenfalls in Gestalt von Leuten, die der SPD-Chef Franz Müntefering vermutlich "Heuschrecken" nennen würde.

Womit wir endgültig beim Wahlkampf wären und bei einem kurzen Seitenblick auf Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Kanzlerkandidat ist als Redner vor Autobauern inzwischen Stammgast , in Rüsselsheim war er natürlich längst. Steinmeier würde nur zu gerne den Genscher geben. Am Montag hat er im SPD-Vorstand ein Papier vorgelegt, das dafür bestimmt war, als "Rettungsplan für Opel" die Titelseiten der Zeitungen zu stürmen, auch jener, die in Rüsselsheim gelesen werden. Hartmut Mehdorns Abgang hat dem Manöver leicht an Schwung genommen.

In dem Papier steht: "Opel kann sich nicht selber retten", und dass die Zeit dränge und "jeder Tag zählt". Das ist nicht neu, aber immerhin markig. Außerdem erklärt Steinmeier die Suche nach einem Privatinvestor geradeheraus für zwecklos und fordert, vorerst den Staat zum wichtigen Anteilseigner einer neuen, europäischen Opel-Firma zu machen. VEB Adam Opel sozusagen, im Gegensatz zum Unionsmodell Adam Opel AG.

Es hätte des Steinmeier’schen Papiers aber nicht bedurft, um Merkel mit dieser Idee zu konfrontieren. Das übernimmt in Rüsselsheim der Chef des Gesamtbetriebsrats, Klaus Franz. "Ehrlich gesagt wäre uns eine direkte staatliche Einlage lieber", sagt er. Der Herr Koch habe ja sicherlich auch vom Kollegen Christian Wulff aus Niedersachsen schon öfter gehört, wie gut das dort funktioniere. Koch lächelt säuerlich.

Nun könnte man sagen, die CDU soll sich nicht so anstellen mit ihren Prinzipien und aus Opel in Gottes Namen dann eben eine Art zweiten Volkswagen machen. Das wirkliche Problem ist aber, dass nach wie vor niemand weiß, ob und wie Opel überhaupt zu helfen ist. Als Betriebsratschef Franz vor zwei Wochen im Wirtschaftsausschuss des Bundestages die Lage schildern sollte, griff er zur Pantomime. Er legte die Arme an den Gelenken übereinander: Uns sind die Hände gebunden. Entschieden werde alles nach wie vor im 36. Stock der glasglitzernden Konzernzentrale in Detroit.

GM hat die Rechte an den Patenten, den Fabriken, den Grundstücken, an allem. Ob man die todkranke Konzernmutter wirklich dazu kriegt, einige ihrer gesündesten Abteilungen wie die Entwicklerschmiede in Rüsselsheim aus der Kontrolle zu entlassen, weiß keiner. GM-Europachef Carl-Peter Forster versichert zwar in der Rüsselsheimer Halle, die Sache mit der Nutzung der Patente sei "weitestgehend" geklärt. Aber selbst wenn das mehr ist als Zweckoptimismus, ist das nur eine von vielen Fragen.

Die in Detroit haben im Moment sowieso andere Sorgen. Am Sonntag hat Barack Obama den Konzernchef Rick Wagoner feuern lassen, am Montag hat der Präsident GM ein Ultimatum gesetzt: 60 Tage überbrückt die Regierung noch mit Staatsmitteln, dann muss ein neues Konzept stehen – sonst: Insolvenz. Das gerade fertige Konzept haben Obamas Berater zerrissen: taugt nichts. So was kennen die Deutschen. Opels Konzept für die Bundesregierung bestand aus 180 Seiten, davon 140 mit bunten Bildern hoffnungsvoller Zukunftswagen.

Einer davon steht auf der Bühne, die Merkel jetzt betritt; ein weißes Modell mit schnittigen Zickzack-Scheinwerfern, die ab und an kurz aufglimmen. Es ist der "Ampera". Das Ding steht für Glanz und Elend von General Motors. In den USA kennen sie den Wagen nämlich schon länger, er heißt dort Chevrolet und "Volt". Unter der Haube steckt ein neues Elektro-Hybrid-Konzept, ein Elektromotor mit Hilfsantrieb, 60 Kilometer Reichweite aus der Steckdose, danach springt ein Benziner helfend ein. Das Problem ist, dass der Neuling zwar mittlerweile auf nahezu jeder Automesse schon vorgestellt worden ist, auf der Straße aber nicht auftaucht. In der Fachpresse wird der "Volt" schon als "Messemodell" verspottet. Dass er in den USA ab 2010 vom Band läuft und sein Bruder "Ampera" danach, ist im Moment nicht mehr als das Prinzip Hoffnung.

Hoffnung – genau das, was die Tausenden in der Halle sich erwarten. "Menschen, die für Opel durch dick und dünn gehen", sagt Betriebsrat Franz. "Opel ist eine starke Marke und ein solides Unternehmen", wirbt Europachef Forster. "Die Menschen bei Opel sind hochmotiviert", versichert Deutschlandchef Hans Demant. Er lädt Merkel jetzt schon ein wiederzukommen – in drei Jahren, zum 150.  Firmenjubiläum. Merkel hat während all dieser Reden in ihrem Manuskript geblättert. Oben auf dem Podium braucht sie es nicht mehr. Mit Obamas 60-Tage-Galgenfrist fängt sie an, die neue Unsicherheit bringe, zugleich mehr Zeit, um den "Grundstein" für einen neuen, europäischen Opel-Konzern zu legen. Bürgschaften sagt sie zu, "sehr hohe Absicherungen, wirklich eine Brücke in die Zukunft". Aber Merkel nennt die Bedingungen: Die Mutter GM müsse und solle sich beteiligen, sie müsse ihrer europäischen Tochter die Freiheit geben, für sich selbst zu verhandeln – "Opel braucht General Motors, aber ich sag’ ein bisschen selbstbewusst: General Motors braucht auch Opel." Und vor allem müsse ein Investor her, der es ernst meine und langfristige Perspektive biete.

Hoffnung? Ja, Hoffnung durchaus. "Opel hat nicht nur ’ne tolle Vergangenheit", sagt die Kanzlerin, "wir bauen eine gute Zukunft". In den Sätzen steckt die Versuchung zur Balkonszene. Aber Merkel widersteht ihr. Alle Anstrengung und Hilfe, die die Bundesregierung geben könne, das kann sie zusagen. Mehr nicht: "Es wird noch hart", lautet ihr letzter Satz, "aber wir haben eine Chance".

Die Halle klatscht Beifall, viele stehen auf. Es ist ein ernster, aber freundlicher Applaus. Demant will ihr jetzt unbedingt noch den "Ampera" zeigen. Der solle, sagt der Opel-Chef, 2011 auf den Markt kommen. Merkel guckt ihn leicht von der Seite an. "Dann strengense sich mal an!"