GM hat die Rechte an den Patenten, den Fabriken, den Grundstücken, an allem. Ob man die todkranke Konzernmutter wirklich dazu kriegt, einige ihrer gesündesten Abteilungen wie die Entwicklerschmiede in Rüsselsheim aus der Kontrolle zu entlassen, weiß keiner. GM-Europachef Carl-Peter Forster versichert zwar in der Rüsselsheimer Halle, die Sache mit der Nutzung der Patente sei "weitestgehend" geklärt. Aber selbst wenn das mehr ist als Zweckoptimismus, ist das nur eine von vielen Fragen.

Die in Detroit haben im Moment sowieso andere Sorgen. Am Sonntag hat Barack Obama den Konzernchef Rick Wagoner feuern lassen, am Montag hat der Präsident GM ein Ultimatum gesetzt: 60 Tage überbrückt die Regierung noch mit Staatsmitteln, dann muss ein neues Konzept stehen – sonst: Insolvenz. Das gerade fertige Konzept haben Obamas Berater zerrissen: taugt nichts. So was kennen die Deutschen. Opels Konzept für die Bundesregierung bestand aus 180 Seiten, davon 140 mit bunten Bildern hoffnungsvoller Zukunftswagen.

Einer davon steht auf der Bühne, die Merkel jetzt betritt; ein weißes Modell mit schnittigen Zickzack-Scheinwerfern, die ab und an kurz aufglimmen. Es ist der "Ampera". Das Ding steht für Glanz und Elend von General Motors. In den USA kennen sie den Wagen nämlich schon länger, er heißt dort Chevrolet und "Volt". Unter der Haube steckt ein neues Elektro-Hybrid-Konzept, ein Elektromotor mit Hilfsantrieb, 60 Kilometer Reichweite aus der Steckdose, danach springt ein Benziner helfend ein. Das Problem ist, dass der Neuling zwar mittlerweile auf nahezu jeder Automesse schon vorgestellt worden ist, auf der Straße aber nicht auftaucht. In der Fachpresse wird der "Volt" schon als "Messemodell" verspottet. Dass er in den USA ab 2010 vom Band läuft und sein Bruder "Ampera" danach, ist im Moment nicht mehr als das Prinzip Hoffnung.

Hoffnung – genau das, was die Tausenden in der Halle sich erwarten. "Menschen, die für Opel durch dick und dünn gehen", sagt Betriebsrat Franz. "Opel ist eine starke Marke und ein solides Unternehmen", wirbt Europachef Forster. "Die Menschen bei Opel sind hochmotiviert", versichert Deutschlandchef Hans Demant. Er lädt Merkel jetzt schon ein wiederzukommen – in drei Jahren, zum 150.  Firmenjubiläum. Merkel hat während all dieser Reden in ihrem Manuskript geblättert. Oben auf dem Podium braucht sie es nicht mehr. Mit Obamas 60-Tage-Galgenfrist fängt sie an, die neue Unsicherheit bringe, zugleich mehr Zeit, um den "Grundstein" für einen neuen, europäischen Opel-Konzern zu legen. Bürgschaften sagt sie zu, "sehr hohe Absicherungen, wirklich eine Brücke in die Zukunft". Aber Merkel nennt die Bedingungen: Die Mutter GM müsse und solle sich beteiligen, sie müsse ihrer europäischen Tochter die Freiheit geben, für sich selbst zu verhandeln – "Opel braucht General Motors, aber ich sag’ ein bisschen selbstbewusst: General Motors braucht auch Opel." Und vor allem müsse ein Investor her, der es ernst meine und langfristige Perspektive biete.

Hoffnung? Ja, Hoffnung durchaus. "Opel hat nicht nur ’ne tolle Vergangenheit", sagt die Kanzlerin, "wir bauen eine gute Zukunft". In den Sätzen steckt die Versuchung zur Balkonszene. Aber Merkel widersteht ihr. Alle Anstrengung und Hilfe, die die Bundesregierung geben könne, das kann sie zusagen. Mehr nicht: "Es wird noch hart", lautet ihr letzter Satz, "aber wir haben eine Chance".

Die Halle klatscht Beifall, viele stehen auf. Es ist ein ernster, aber freundlicher Applaus. Demant will ihr jetzt unbedingt noch den "Ampera" zeigen. Der solle, sagt der Opel-Chef, 2011 auf den Markt kommen. Merkel guckt ihn leicht von der Seite an. "Dann strengense sich mal an!"