Es ist der 17. Juni 1970. WM-Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien im Azteken-Stadion von Mexiko-Stadt. Über 100.000 Zuschauer. Die Mannschaft Helmut Schöns liegt seit der 8.Minute 0:1 zurück. Es läuft bereits die 91.Minute. Jürgen Grabowski flankt von links. Karl-Heinz Schnellinger grätscht mit rechts: 1:1. Es folgt die verrückteste Verlängerung in der Geschichte des Fußballs. Italien siegt 4:3. Von einem "Jahrhundertspiel" schwärmt fortan jene Generation, es hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Auch dank des blonden Rheinländers.

Es gefällt ihm nicht, dass sich seine Bilderbuchkarriere im Gedächtnis der Deutschen auf dieses eine Tor in 47 Länderspielen reduziert. Schnellinger bittet um Verzeihung für den drastischen Ausdruck, dass es neunzig Minuten lang "ganz einfach ein Scheiß-Spiel war". Immerhin: Was dann geschah, sei ja tatsächlich "unglaublich spannend" gewesen. Aber der Höhepunkt seiner Karriere? "Ich bitte Sie." Mitnichten. "Alle sprechen nur von diesem Tor", beschwert er sich. Als wäre er Helmut Rahn. "Schließlich hat Deutschland verloren."

Auch ohne WM- oder EM-Titel, ähnlich wie Oliver Kahn, war Karl-Heinz Schnellinger einer der größten deutschen Fußballspieler und ist bis heute immer noch der erfolgreichste deutsche Langzeitprofi im Ausland. Nur spielte er im vormedialen Zeitalter Fußball. Die deutsche Öffentlichkeit nahm keinen Anteil an Schnellinger beim AC Mailand – so wie heute etwa an Michael Ballack beim FC Chelsea. National hat der linke Verteidiger Schnellinger beim Übergang der beiden ruhmreichsten Epochen mitgespielt, vom alten Fritz zum jungen Franz. 1958 wurde er mit Fritz Walter WM-Vierter, 1966 stand er mit Franz Beckenbauer im berühmten WM-Finale von Wembley. Mit 1962 (ausgeschieden im Viertelfinale) und dem dritten Platz 1970 kommt er auf vier WM-Teilnahmen.

International war er von elf Jahren in Italien (AC Mantua, AS Rom) neun Jahre lang Stammspieler bei Milan. Schnellinger, 1962 mit dem 1.FC Köln unter Tschik Cajkovski Deutscher Meister, eroberte mit dem AC Mailand dreimal den italienischen Pokal, einen Meistertitel, zweimal den Europapokal der Pokalsieger, einmal die Trophäe der Landesmeister (1969) und den Weltpokal. Übrigens zusammen mit Giovanni Trapattoni. "Milan hat mich auch heute noch ins Herz geschlossen", erzählt er.

Schnellinger versäumt kein Heimspiel. In Deutschland habe man ihn vergessen, vor allem der DFB, lautet seine bittere Klage. Zur WM 2006 habe er keine Einladung erhalten, auch nicht zum Halbfinale Deutschland gegen Italien. Angesichts des historischen 1970er Vorgängers wäre es wirklich angebracht gewesen. Nach dem Ende seiner Laufbahn, die er als 35-Jähriger mit seiner einzigen Saison in der Bundesliga (19 Spiele für Tennis Borussia Berlin) 1975 beendete, habe er gearbeitet. "Wir haben damals keine Millionen verdient, die bis zum Lebensende reichten". Erst vor drei Jahren beendete er seine dreißigjährige Tätigkeit bei einem Lebensmittelunternehmen.

Seit 45 Jahren lebt er in Italien und wohnt in einem Haus außerhalb der lombardischen Metropole. Seinen Ruhestand schildert der gebürtige Dürener ebenso lustig wie nüchtern: "Ich flachse gern. Mir geht es gut. Außer Stacheldraht kann ich alles essen. Ich habe keine Plät, sondern immer noch meine vollen blonden Haare, drei Töchter, italienische Schwiegersöhne, vier Enkel und einen Hund. Ich reise nicht mehr nach Deutschland. In Köln habe ich nur noch zwei, drei Freunde. Lediglich meine Frau besucht noch ihre Mutter in Düren. Ich kümmere mich um meine Familie. Das füllt mich aus." Am heutigen Dienstag wird Karl-Heinz Schnellinger 70 Jahre alt.