ZEIT ONLINE: Herr Vettel, ihr Sohn Sebastian ist aktuell der wohl talentierteste deutsche Formel-1-Fahrer. Wenn man seinen Aufstieg vom Kart bis in die Königsklasse zurückverfolgt, scheint alles wie am Schnürchen gelaufen zu sein.

Norbert Vettel: Das täuscht. Den Umstieg vom Kart in die Formel BMW haben wir damals nur mit Hängen und Würgen geschafft. Auf einmal mussten wir 150.000 Euro aufbringen. Heute kostet eine Saison in der Formel BMW doppelt so viel. Das hätten wir damals nicht geschafft.

ZEIT ONLINE: Sie wollen sagen, Sebastian wäre kein Formel-1-Pilot geworden, wenn die Kosten damals schon so hoch gewesen wären wie heute?

Vettel: Vermutlich nicht. Viele unterschätzen immer noch, wie teuer der Sport ist. Der zeitliche Aufwand, die Leistungen in der Schule – das haben wir alles hinbekommen. Aber die finanziellen Belastungen sehen viele nicht. Damals haben wir zu Beginn 7.000 Mark für eine Kart-Saison bezahlt, heute gibt es dafür nicht einmal mehr das Fahrzeug.

ZEIT ONLINE: Gab es einen Punkt, an dem Sie gern alles hingeschmissen hätten?

Vettel: Die Punkte, an denen ich die Nase gestrichen voll hatte, gab es oft. Das lag aber nicht nur am Finanziellen. Irgendwann sagt man sich: Ich lasse mir mein Kind nicht kaputt machen. Wenn es mal nicht so gut läuft, kommen direkt von überall Schuldzuweisungen.

ZEIT ONLINE: Ist im Motorsport das Geld wichtiger als Talent?

Vettel: Nein, Talent brauchst du immer. Aber mit Geld kannst du dir natürlich besonders am Anfang viel erkaufen. Andersrum scheitern leider viele sehr früh, weil das Geld fehlt. Heute ist der Aufstieg wirklich extrem schwer, da steckt mittlerweile so viel Geld drin. Wir mussten uns zum Glück früh genug darum kümmern, die richtigen Leute kennen zulernen, weil wir selbst nie genügend Geld hatten.

ZEIT ONLINE: Entscheiden also die richtigen Kontakte über die Karriere?

Vettel: Man muss natürlich die richtigen Leute im richtigen Moment treffen, das ist ja überall so. Ein Typ muss Spaß an dir haben, so wie ihn der Noack (Anm. d. Red.: Gerhard Noack ist Besitzer der Kerpener Kart-Bahn und Vettels Entdecker) an Sebastian hatte oder auch an Michael und Ralf Schumacher. Aber ein Allgemeinrezept gibt es da nicht.

ZEIT ONLINE: Wann wussten Sie, dass es Sebastian bis ganz nach oben schafft?

Vettel: Das kann man so gar nicht sagen. Wir haben immer nur so weit gedacht, wie man es absehen konnte. Vom Kart in die Formel BMW, dann in die Formel 3: Wir waren immer froh, wenn der nächste Schritt geschafft war. Ein Moment war aber der Europameistertitel im Kart 2001. Danach wurden wir nach Monaco ins Hotel Mirage – oder wie das hieß – eingeladen. 500 Euro hat da ein Hotelzimmer gekostet, das hätten wir uns vorher niemals träumen lassen. Sebastian meinte damals zu mir: "Papa, da haben wir doch schon was hingebracht" - da erinnere ich mich heute noch dran.

ZEIT ONLINE: Und seit wann verdient Sebastian am Motorsport, seit wann lohnen sich die ganzen Investitionen auch finanziell?

Vettel: Verdienen ist relativ, unglaublich viele Fahrer würden umsonst fahren, wenn du ihnen ein Cockpit gibst. Bei Sebastian war der Wendepunkt 2004, als Red Bull einstieg und uns förderte. Danach mussten wir uns finanziell um nichts mehr kümmern. Vorher hatten das Geld immer die verschiedensten Leute zusammengetragen.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie in ihrer Zimmerei nicht genug Geld, um den Anfang der Karriere zu finanzieren?

Vettel: Nein, das hat längst nicht gereicht. Obwohl ich sehr viel gearbeitet habe zu der Zeit. Vorher bin ich selbst 13 Jahre hobbymäßig Bergrennen gefahren. Das habe ich alles verkauft, damit wir den Einstieg finanzieren konnten. Als Sebastian neun Jahre alt war, sind wir zur Essener Motorshow gefahren. Der Kleine ist von Stand zu Stand gelaufen und hat alle gefragt, ob sie ihn unterstützen könnten. Die meisten wissen das heute wahrscheinlich gar nicht mehr. Irgendwann kam er dann zurück und meinte: "Papa, die haben ihr Budget alle schon verplant." Später haben wir dann aber doch den ersten Sponsor gefunden, einen Hersteller von Alu-Felgen. 10.000 Mark haben wir damals bekommen. Davon haben wir uns einen Anhänger für das Kart gekauft. Mann, was waren wir stolz. Eine schöne Zeit war das damals.

Die Fragen stellte Daniel Drepper.