Die Deutschen Bahn bekommt einen neuen Chef. Noch muss Rüdiger Grube vom Aufsichtsrat der Bahn zwar bestätigt werden. Doch das ist nur eine Formalie, auch wenn sich die Gewerkschaften noch zieren. Der Bund als Eigentümer, und das heißt die Bundesregierung, hat sich festgelegt. Daran kommt kein Aufsichtsgremium vorbei.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der zumindest formal das Vorschlagsrecht besitzt, hält Grube für einen "exzellenten Fachmann mit breitem Fachwissen und großer Erfahrung". Dieser kenne sich "im deutschen Mobilitätsgeschäft wie auch auf dem internationalen Parkett" aus.

Trotzdem ist der designierte neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG im politischen Berlin ein völlig unbeschriebenes Blatt. Viele Politiker, auch viele Verkehrsexperten des Bundestages, hat die Personalentscheidung überrascht. Der SPD-Obmann im Verkehrsausschuss, Uwe Beckmeyer, zum Beispiel kennt Grube bislang nur flüchtig, der FDP-Bahnexperte Horst Friedrich hatte den Namen zuvor noch nie gehört. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass sowohl der Regierungs- als auch der Oppositionspolitiker die Personalentscheidung eher zurückhaltend und mit fast identischen Worten kommentieren. "Mann muss ihm eine Chance geben", sagt der SPD-Mann Beckmeyer. "Er hat eine Chance verdient", heißt es beim Liberalen Friedrich.

Ob es Kalkül war oder nicht, sei dahin gestellt, aber möglicherweise verläuft die Debatte über Rüdiger Grube deshalb so verhalten, weil kaum jemand in Deutschland den neuen Bahn-Chef kennt. Zeit seiner Karriere zog er im Hintergrund die Fäden, öffentlich trat er selten in Erscheinung. Leute, die ihn kennen, beschreiben ihn als stets freundlich, aber unauffällig. Er gilt als brillianter Analytiker, dem lange nachgesagt wurde, dass er zu Höherem nicht berufen ist.

Das hat sich jetzt schlagartig geändert, was die anstehende Aufgabe nicht leichter macht. Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob Grube tatsächlich für den derzeit viel beschworenen Neuanfang steht. "Hartmut Mehdorn und Grube kennen sich bis heute gut", sagt einer, der der den neuen Bahnchef seit vielen Jahren kennt. Grube war 1990 bei dem späteren Bahnmanager Büroleiter in dessen Münchener Büro der Deutschen Airbus GmbH. Mehdorn strebte kurz darauf an die Spitze der Dasa, doch die Pläne wurden von Jürgen Schrempp, dem damaligen Chef der Dasa-Mutter Daimler zunichte gemacht. Mehdorn ging zu den Heidelberger Druckmaschinen, später zur Bahn. Gruber blieb bei Daimler.

Dort machte er Karriere. Seit 2001 sitzt Gruber im Daimler-Vorstand und leitet die Konzernentwicklung. Für Jürgen Schrempp und für dessen Nachfolger Zetsche war er immer erste Wahl, wenn es um unangenehme und schwierige Aufgaben ging. Mit Schrempp und dessen damaligem Strategievorstand Eckhard Cordes handelte er mit den amerikanischen Chrysler-Vorständen die legendäre Fusion von Daimler und Chrysler aus, die Jahre darauf allerdings grandios scheiterte. Auch war er beteiligt am Zusammenschluss von Dasa und Lagardere zum Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, in dessen Verwaltungsrat er für Daimler sitzt.

Für Rüdiger Grube spricht, dass ein moderierender Typ ist, anders als sein Vorgänger Hartmut Mehdorn, der den Konflikt liebte. "Er ist das absolute Gegenmodell zu Mehdorn", sagt ein Vertrauer. Das könnte ihm nützlich sein, wenn es darum geht, das Vertrauen der Gewerkschaften zurückzugewinnen, das Mehdorn zerschlagen hatte. Gewerkschaftler, die ihn kennen, beschreiben ihn als jemanden, der auf die Menschen zugeht, statt Türen zuzuschlagen. "Er ist keiner mit Berührungsängsten", heißt es. Auch bei der IG Metall in Hamburg, dem Sitz der EADS-Tochter Airbus, wird ihm nachgesagt: "Er ist einer, der den Arbeitnehmervertretern zuhört."