Fußball interessiert die Waliser kaum, die Südwaliser gar nicht. Das sieht man täglich in den Pubs von Cardiff: Über die Bildschirme flattern Rugby-Spiele. Man sah es auch am Mittwochabend auf den Tribünen des Millennium-Stadions: Ganze Blocks waren leer. Am deutlichsten aber manifestierten sich die Prioritäten auf dem Rasen: Notdürftig war das weiße Pulver, das im normalen Sportalltag ein Rugbyfeld zeigt, zusammengesaugt worden. Das Fußballfeld wurde drüber gezeichnet. Aber das Rugbyfeld war immer noch da. Es blieb präsent, da ein Kreuz, dort unübersehbare Reste einer kurzen ausfransenden Linie, am deutlichsten auf Höhe des Abseits.

Erstaunlich, dass dann doch elf Waliser auf dem Feld standen. Für die Live-Darbietung des Hymnensängers wurde die Lautstärke nach den deutschen Nationalphrasen ab Band verzehnfacht, ins Ohrenbetäubende. Da glaubte man einen Moment zu spüren, dass es diesen Briten doch noch um die Ehre in Sachen Fußball gehen könnte - wenn sie sich schon nicht für die WM in Südafrika qualifizierten, dann wollten sie wenigstens die Deutschen schlagen.

Es folgte ein Fußballspiel, streckenweise sogar leidenschaftlich geführt. Aber das war's dann schon. Nach dem Spiel wurde viel geredet, auf der Pressekonferenz und vor allem in den Pubs - nicht aber über Fußball. Gut, John Toshack, der walisische Trainer, polterte noch ein wenig über den eigentlich nicht-deutschen Einwurf, in dessen Anschluss das 1:0 fiel, über den nicht gegebenen Elfmeter (obwohl Tasci die Hand zu Hilfe genommen habe im Strafraum), über den unterlassen Platzverweis (von Tasci) und damit über das nicht gewonnene Spiel. Ja, er zeigte sich als schlechter Verlierer, der die Hauptursache der Niederlage in der schlechten Schiedsrichterleistung zu erkennen glaubte. So etwas Schlechtes sehe man nicht mal, wenn ein paar Jungs im Park spielen. Dass im Park selten Schiedsrichter pfeifen, spielte für Toshack im Zorn keine Rolle.

Aber weder über das Resultat noch über den unsicheren Beck noch das gefühlte Tor von Gomez redeten die deutschen Fans im Anschluss. Die Journalisten auch nicht. Sondern über zwei, die sich in die Haare geraten waren. Podolski und Ballack. Alle redeten über eine einzige, im Prinzip für das Spiel unwesentliche Szene: über die Watschen, die der Fastschonwiederkölner seinem Kapitän auf dem Spielfeld verpasst hatte. Einzig dieser Zickenstreit erhitzte die Sachverständigen. Und so tauschten die Berichterstatter der deutschen Presseerzeugnisse in den Kneipen fleißig die Zitate aus, die sie zu diesem einen einzigen Aufreger des Abends ergattern konnten.

Hatte sich danach Löw klar hinter seinen Kapitän, der die Anweisungen auf dem Platz umsetzt, gestellt? Ja, hatte er. Bierhoff auch: Der Kapitän habe das Sagen auf dem Platz, alle müssten sich daran halten. "Ach, so was ist doch kein Problem", sagte Theo Zwanziger, oberster Chef des DFB. "Das sind Fußballer. Die vertragen sich nach dem Spiel wieder." Und: "Das unterscheidet sie von Politikern." Per Mertesacker schließlich vermutete, dass die beiden Streithähne sich bestimmt irgendwo noch ausgetauscht hatten nach dem Spiel. Wo genau, wusste er auch nicht: "Die Kabine ist sehr verwinkelt."

So taten es am Ende die deutschen Fans und die deutschen Journalisten in Cardiff den Walisern gleich. Fußball hatte aufgehört, das Interesse zu wecken. Sie hielten sich an einem letzten Pint fest, während die Einheimischen um Mitternacht fast alle schon im Bett lagen.

Und heute ist wieder Zeit für das Wesentliche: Im Millennium-Stadion geht der Platzwart mit dem Staubsauger über den Rasen. Danach holt er das Pulver und zieht neue Linien. Bald wird wieder Rugby gespielt.