ZEIT ONLINE: Vor wenigen Tagen sprach sich Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan dafür aus, den Dollar als Leitwährung abzulösen. Seine Rolle könnten die vom Weltwährungsfonds (IWF) verwalteten Sonderziehungsrechte übernehmen. Der russische Präsident Dimitri Medwedjew hat Zhous Vorstoß jetzt unterstützt. Was halten Sie davon?

Peter Bofinger: Der Vorschlag der Chinesen ist ziemlich durchsichtig. Sie sitzen auf einem riesigen Berg an Währungsreserven: Zwei Billionen Dollar insgesamt, rund drei Viertel davon sind in Dollar angelegt. Durch die wachsende Verschuldung der USA und die Politik der amerikanischen Notenbank steigt die Gefahr, dass diese Reserven an Wert verlieren. Wenn jetzt der chinesische Zentralbankchef eine neue Leitwährung fordert, ist das nur ein Versuch, sich diesem Wertverlust zu entziehen.

ZEIT ONLINE: Träte eine neue Leitwährung an die Stelle des Dollar, würde das dessen Bedeutungsverlust doch nur beschleunigen.

Bofinger: Meines Erachtens geht es den Chinesen darum: Sie möchten einen Teil ihrer Dollarreserven an den IWF abgeben, um im Gegenzug Guthaben zu erhalten, die auf  die Rechnungseinheit des IWF lauten, das Sonderziehungsrecht (SZR). Das ist ein Währungskorb. Ein Sonderziehungsrecht setzt sich zusammen aus 0,632 Dollar, 0,410 Euro, 0,0903 Pfund Sterling und 18,4 Yen und ist derzeit 1,49 Dollar wert. Der Dollaranteil am Korb beläuft sich somit auf rund 42 Prozent. Durch den Umtausch von Dollar-Reserven in SZR-Reserven könnten die Chinesen einen großen Teil ihres Risikos einer Dollar-Abwertung mit einem Schlag auf die internationale Gemeinschaft abwälzen.

ZEIT ONLINE: Dennoch weist der chinesische Vorschlag auf einen zentralen Punkt der gegenwärtigen Krise: Nur durch seine hohen Währungsreserven konnte China den Yuan billig halten und seine Waren in alle Welt verkaufen, während die US-Amerikaner kauften. Dieses Wachstumsmodell ist geplatzt. Die globalen Ungleichgewichte müssen aufgelöst werden – das bedeutet auch ein Abtragen des Währungsberges.

Bofinger: Wer über Ungleichgewichte und Währungsregime redet, müsste sich viel eher mit den bilateralen Wechselkursen auseinandersetzen als mit der Frage, welche Leitwährung die Welt benutzt. Wie verhält sich der Yen zum Euro? Wie der Euro zum Dollar? Kann man die Kurse dem Markt überlassen, oder sollten die Notenbanken eingreifen? Eine Einheitswährung, wie sie manche Ökonomen fordern, bringt uns da nicht weiter.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Bofinger: Manche Länder wie China manipulieren den Kurs ihrer Währung so, dass es den Interessen ihrer Exportwirtschaft dient. In anderen Fällen befördert der freie Markt Entwicklungen, die Instabilität verursachen können – etwa wenn Anleger ihr Geld in Ländern mit besonders hohen Zinsen anlegen, ohne dabei das Wechselkursrisiko zu berücksichtigen. Solche Carry Trades haben beispielsweise in der Phase von Dezember 2004 bis Juni 2007 den Dollar gegenüber dem Yen aufgewertet, trotz des amerikanischen Handelsdefizits und des Überschusses der Japaner.