ZEIT ONLINE: Herr Zschau, kommt dieses Erdbeben für Sie überraschend?

JOCHEN ZSCHAU: Erdbeben in dieser Stärke in der Region sind nichts, was man nicht erwarten könnte. Jedes einzelne Ereignis ist natürlich immer eine Überraschung, aber Erdbeben in dieser Stärke in der Region treten im Schnitt alle zehn Jahre dort auf. Das letzte große Beben geschah 1997, es hatte auch eine Stärke um 6 herum. 1984 gab es auch eines, und wenn man noch weiter zurückgeht, ins Jahr 1915, da ereignete sich nur einige Kilometer entfernt ein Beben, bei dem 29.000 Menschen ums Leben kamen.

ZEIT ONLINE: Worin sehen Sie die Ursache für diese Erdbeben?

JOCHEN ZSCHAU: Letzten Endes ist das alles auf die Bewegung der afrikanischen Platte Richtung Europa zurückzuführen. Afrika quetscht sozusagen den gesamten Mittelmeerraum ein und erzeugt dabei Spannungen, die sich ab und an in Erdbeben entladen. Regional gibt es komplexere Erklärungen für die einzelnen Erdbeben. In diesem Fall ist es so, dass sich in dieser Knautschzone auch noch die adriatische Platte, die Kruste unter der Adria, unter Italien schiebt und sich dahinter die Kruste des tyrrhenischen Meers öffnet. Das führt zu Dehnungserscheinungen. Dieses Beben war so ein Dehnungsbeben.

ZEIT ONLINE: Der italienische Forscher Giampaolo Giuliani vom Nationalen Institut für Physik in Gran Sasso warnte ja bereits vor Wochen anhand von auftretenden Radon-Emissionen vor einem Beben in L'Aquila. Hätte man die Katastrophe also nicht vorhersehen müssen?

JOCHEN ZSCHAU: Aus meiner Sicht nein. Vorläuferphänomene solcher Art wie Radon-Erscheinungen, elektrische Leitfähigkeit und so weiter gibt es seit Jahren. Das Problem ist, dass wir daraus keine Gesetzmäßigkeit ablesen können. Es gibt Anomalien im Vorfeld solcher Beben, manchmal gibt es keine Anomalien, manchmal kommt kein Beben hinterher. Unsere Kenntnisse sind nicht ausreichend, um eine Vorhersage darauf aufzubauen. Man kann also den Behörden keinen Vorwurf machen, da es eigentlich keine klaren Indizien zu einem bevorstehendem Beben gab. Dass jetzt in diesem Fall die Anomalie in Zusammenhang mit einem Beben beobachtet wurde, muss natürlich weiter untersucht werden. Bis dato gibt es aber keine verlässliche Vorsagemethode.