Die Ausschreitungen in London seien "nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns beim Nato-Gipfel erwartet", warnt der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, erwartet aggressivere Proteste als in der Vergangenheit. Es sei zu befürchten, dass "der Protest der Friedensbewegung gezielt für Randale und brutale Übergriffe auf Polizisten" missbraucht werden könnte, sagt er.

Die Polizei kündigte ein hartes Durchgreifen an. Notfalls sollen gewaltbereite Störer vorbeugend in Haft genommen werden. "Eine zaghafte Einsatztaktik, die während des G8-Gipfels 2007 in Rostock zur Eskalation der Lage geführt hat, wird es beim Nato-Gipfel nicht geben", sagt Wendt. Wer sich Platzverweisen widersetze oder die friedlichen Proteste erheblich störe, "sitzt für die Dauer des Gipfels in der Zelle".

Die Demonstranten beklagen ihrerseits die strengen Sicherheitsauflagen der Polizei. Auf einer Veranstaltung in Berlin verlas ein Attac-Vertreter am Beginn der Woche eine lange Liste mit Verboten und Sanktionen. Demnach müssten die Globalisierungsgegner einen Mindestabstand von 1,50 Meter zu den Polizisten halten. Ihre Transparente dürften nicht länger als drei Meter sein. Geschminkte Gesichter seien verboten, ebenso das Tragen von Kapuzenpullis und das Mitführen von Hunden. Besonders die Passage, nach der die Demonstranten nicht "laufen und sprinten" dürfen, sorgt im Demo-Lager für Gelächter und Kopfschütteln.

An diesen Regeln zeige sich die "Paranoia der Staatsbürokratie", sagt Rainer Braun, Geschäftsführer der IALANA, einer Juristenvereinigung, die sich gegen Atomkriege einsetzt. Aus dem "Grundrecht der Demonstration" werde zu internationalen Gipfel-Zeiten ein "Gnadenbrot", sagt der Jurist. Monty Schädel, Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft, der auch schon in Heiligendamm die Proteste gegen den G-8-Gipfel organisierte, beschwert sich: "Unsere Bewegung wird kriminalisiert".

Über 600 verschiedene pazifistische oder globalisierungskritische Organisationen werden dennoch zum Gipfel nach Straßburg und Kehl reisen, so die Ankündigung der Aktionsbündnisses " No to NATO ". Geplant sind Konferenzen, Camps, Demonstrationen und Blockaden. Höhepunkt soll eine Großdemonstration – von Kehl bis Straßburg – am Samstagmittag sein.

Schon am gestrigen Mittwoch blockieren NATO-Gegner die Europabrücke in Kehl für mehrere Stunden. Rund 200 Polizisten standen einer etwa ebenso großen Gruppe von Demonstranten gegenüber, die von der französischen Seite bis zur Mitte der Brücke marschierte. Fünf Stunden lang konnte kein Auto die wichtige Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich überqueren. Die Aktion verlief friedlich, Ausschreitungen gab es nicht. Der Verkehr rollte am späten Nachmittag wieder.