Oleg ist ein lieber Kerl mit Wuschelhaar und unkontrollierbaren Kreativschüben, der beste Grimassenschneider seiner Klasse und Schlagzeuger in einer Band. Oleg sagt, er ziehe das Chaos magisch an, deshalb läuft es in der Schule gerade nicht so gut. Im dritten Teil des Films über die 7 III der Heinrich-von-Stephan-Oberschule in Moabit erfährt Oleg, dass er "abgestiegen" ist, aus der Liga der Realschüler in die zweite, die der Hauptschüler. Aber es ist ja noch Zeit, "da kann noch viel passieren". Das ist der Titel des Films, der vor Ostern in der ARD läuft. Ein Mutmacher-Titel. Nicht nur für Oleg.

Filme über Hauptschulen nähren üblicherweise das schlechte Image dieser Schulform: aggressive Kinder, die den Unterricht sabotieren, verzweifelte Lehrer, die innerlich kapituliert haben, Eltern, die das Erziehen anderen überlassen. Regisseur Calle Overweg, versierter Dokufilmer, wollte das Genre des Hauptschulkrimis offenbar in eine neue Richtung lenken. Er ging in eine Schule, die ihre schlimmste Zeit längst hinter sich hat. 2003 bekam die Heinrich-von-Stephan-Schule für ihre Förderkonzepte und Praktika-Programme die Theodor-Heuss-Medaille. Seit Herbst nimmt sie am Berliner Pilotprojekt "Gemeinschaftsschule" teil.

Der Film schlägt sich auf die Seite der Jugendlichen. Ausschnitthaft wird das Schulleben von vier Protagonisten begleitet, die bisher vor allem gelernt haben, an sich zu zweifeln. Die Kamera dringt in sehr private Sphären ein, beobachtet Eltern- und Lehrergespräche, fährt mit den Jugendlichen nach Hause und – im Fall von Nadine – sogar bis ans Grab der Oma. Sehr deutlich werden die Lebens- und Lernbedingungen veranschaulicht, ohne ins Voyeurhafte abzudriften oder im Stil der Supernanny ein gescheitertes Familienleben zu sezieren.

Der Zuschauer erfährt, dass sich Paul mit seinem Vater, einem US-Soldaten, kaum verständigen kann, dass Nadine keine Ruhe findet, um ihre Hausaufgaben zu machen, dass Oleg "ADS" hat, aber keine Lust, Tabletten zu nehmen. Overweg ermahnt niemanden, er zeigt nur, dass Schule und Familienleben für die Jugendlichen eine Einheit bilden.

Die Hauptfiguren Nadine, Oleg, Paul und Mustafa erhalten vom Regisseur einen robusten Sympathiebonus. Er räumt ihnen das Privileg ein, Gesagtes und Geschehenes aus dem Off zu kommentieren, ihre (Frust-)Gedanken loszuwerden, die sie im realen Erleben eher verschweigen, aus Eigenschutz, aus Scham oder um niemanden zu verletzen. Eltern und Lehrer haben dieses Privileg nicht.

Schulleiter Jens Großpietsch findet den Film gelungen, distanziert sich aber gleichzeitig, wenn er sagt, er zeige nicht die Schule oder den Unterricht. Wenn die Kamera Unterrichtsszenen wiedergebe, dann "eher die ‚Folterinstrumente’ als das, was wir (die Lehrer) schön finden".