Fast schien es, als sei Lidl die Wende gelungen. Nach dem vorletzten Skandal vor etwa einem Jahr tingelte Klaus Gehrig, der zweite Mann hinter Firmeneigner Dieter Schwarz, sogar durch Talkshows, um dort Besserung zu geloben. Es war bekannt geworden, dass die Verkäuferinnen des Discounters mit versteckten Kameras überwacht worden waren – ein eklatanter Verstoß gegen das Datenschutzgesetz.

Als Zeichen dafür, wie ernst man die Sache nahm, wurde Joachim Jacob als Berater engagiert. Der frühere Datenschutzbeauftragte des Bundes sollte helfen, Recht und Gesetz Genüge zu tun. Das misslang, und zwar gründlich. Die jetzt aus Mülltonnen gefischten Krankenakten mit brisanten Informationen über die Privatsphäre von Mitarbeiterinnen zeugen davon, dass guter Wille allein nicht reicht, um gewachsene Strukturen zu verändern. Der Fall Lidl zeigt außerdem, dass Gesetze nur dann schützen können, wenn ihre Einhaltung kontrolliert wird – und das regelmäßig.

Mag ja sein, dass es bei allen Versprechen aus den Reihen der Unternehmensspitze nicht nur um Schadensbegrenzung, sondern um einen Sinneswandel ging: Hin zu mehr Respekt vor den Rechten der Mitarbeiter. Aber wie es scheint, verändert sich das Verhalten in den Management-Ebenen darunter nicht so schnell und durchgängig wie (hoffentlich) erhofft.

Wer seine Untergebenen lange Zeit nur befehligt und überwacht hat, dem dürfte es schwerfallen, plötzlich den fairen Chef rauszukehren. Das gilt vor allem dann, wenn der Druck von oben, Umsatz und Gewinn zu steigern, nicht gleichzeitig gelockert wird.

Die betroffenen Mitarbeiter haben in der Regel wenig Chancen, ihre Rechte einzufordern. Wenn, wie im Einzelhandel üblich, befristet eingestellt wird und Mini- oder Billigjobs vergeben werden, dann steht es schlecht um Arbeitnehmerrechte. Jeder arbeitet und leidet für sich allein. Betriebsräte gibt es bei Lidl nur in ganz wenigen Filialen. Man muss kein Hellseher sein, um zu behaupten, dass sich das jetzt rächt: Mit achtsamen Arbeitnehmervertretungen wäre dem Konzern dieser Skandal erspart geblieben.

Aber können nicht wenigstens die Verbraucher ihre Macht ausüben? Schließlich stimmen sie mit dem Geldbeutel darüber ab, ob sie Rechtsverstöße und schlechte Arbeitsbedingungen dulden. Doch das trifft nur auf die betuchten Kunden zu. Eine Hartz-IV-Empfängerin kann wenig Rücksicht darauf nehmen, ob die Kassiererin oder Packerin gut behandelt wird. Im Zweifel hätte sie deren Job gern selbst.

Und so bleibt die Erkenntnis des 1990 verstorbenen  Hans Kaspar, der für seine Aphorismen berühmt ist: Es ist besser, Deiche zu bauen, als darauf zu hoffen, dass die Flut Vernunft annimmt.