Die Uhr tickt rückwärts: Noch sieben Milliarden Menschen, noch sechseinhalb, noch fünf, noch drei. Die Allianzen sind vom Tisch, die Konventionen aufgehoben. Sämtliche rote Knöpfe sind gedrückt. Im Fernsehen gehen sich die Diplomaten an die Kehle, in den Ruinen ernährt man sich von Zahnpasta und Wundheilsalbe. Das hier ist keine Übung.

Lukas Meschiks Roman Jetzt die Sirenen schildert den Weltenbrand. Der Fokus bleibt auf dessen einziger, trotz allem unverwüstlicher Konstante: der Gewöhnlichkeit des Alltags. Zwischen den Leichen, Kratern, Lücken hocken die Figuren weiterhin am Küchen- und am Schreibtisch, zupfen sich Nasenhaare und pulen Fusseln aus dem Bauchnabel. Noch immer gibt es monotone Jobs und fade Wochenenden. Und allerlei Befindlichkeiten, die ausgelotet werden wollen.

Erzählt wird das Ende der Welt von einem namenlosen jungen Mann. Er arbeitet in einem sinnlosen Archiv, flaniert umher, notiert seine Ängste und Neurosen, zählt Überlebende und sieht die Welt zerfallen. Gleich auf den ersten Seiten wird sein Vater weggebombt. Es könnte schlimmer sein. Die Romanfigur sieht in der globalen Wohlstandsmüdigkeit ein größeres Problem als in den Milizen vor der Wohnungstür und den Atompilzen im Fensterrahmen. Denn die Siedlung, in der sie vor sich hinleben, lässt alles unmerklich verkrüppeln.

Entsprechend ist es keine allzu schlechte Nachricht, dass nun der Krieg kommt. Sondern auch ein Stück Befreiung: "Die Stromversorgung brach zusammen, und zwar endgültig, wieder einmal", klagt der Erzähler. Und macht einen Wochenendausflug durch die Luft, in einer Montgolfiere.

Jetzt die Sirenen ist ein dunkles, flottes Buch über Auswege aus dem Provinzialismus, über Aufhören, Loslassen und Weggehen. Der Debütant Lukas Meschik erzählt dasselbe, was erste Bücher oft erzählen. Aber entkrampfter, bunter. Und da brennen die Kulissen, sprühen Funken, fallen um.

Im jungen 2003 gegründeten Wiener Luftschacht-Verlag hat der junge Wiener Autor, geboren 1988, eine passgenaue und sympathische Nische gefunden. Jetzt die Sirenen darf raus zum Leser, statt als Jugendsünde oder bloße Germanisten-Spielerei in der Schublade zu verrotten. Und immerhin: Ein Kurzroman in einem sprachmächtigen und selbstbewussten Stil mit drei, vier schönen Kalauern und Neologismen pro Seite – ein Fundstück, das Spaß macht.