Der königliche Hofstaat in London ist Kummer gewohnt. Es gibt Traditionen für den Umgang mit der Queen, es gibt ein strenges Protokoll, was ihre Gäste tun und was sie nicht tun dürfen, und es gibt auch Kleidungsvorgaben. Nur halten sich die Besucher in Buckingham Palace nicht mehr so verlässlich daran wie früher. Der Geist rund um die Welt ist in den über 50 Jahren Regentschaft der britischen Königin republikanischer und demokratischer geworden. Und Elizabeth II. nimmt diesen Wandel offenbar gelassen hin. Gelassener jedenfalls, als die Spezialisten für königliche Etikette in Großbritannien und rund um die Erde.

Was war passiert? Michelle Obama war am Mittwochabend ein Verstoß gegen die höfischen Sitten unterlaufen: Beim Empfang für die Teilnehmer des G-20-Treffens und ihrer Partner in Buckingham Palace legte sie der britischen Monarchin freundschaftlich den Arm um die Schulter. Für Traditionalisten ein schwerer Regelbruch: Man fasst die Queen nicht an.

Theoretisch wussten das auch die hohen Gäste aus Washington, wie die Erkundigung zu einem anderen auffallenden Beispiel von Körpersprache ergab. Wenige Stunden zuvor hatte Barack Obama die Hand des russischen Kollegen Dmitrij Medwedjew nach ihrem Gespräch über einen Neubeginn der beiderseitigen Beziehungen und gemeinsame Abrüstungsvorhaben so eisern umschlossen, dass manche meinten, er habe das geübt. Auf die entsprechende Frage sagte ein Berater aus der Umgebung des Präsidenten, er wisse nichts von Händedrucktraining. Er sei aber sicher, dass man den Obamas gesagt habe, dass sie die Queen nicht umarmen sollten. Am Abend tat Michelle jedoch genau das.

Vermutlich war es eine unbedachte, automatische Geste. Sowohl Barack als auch Michelle umarmen ständig anderen Menschen, selbst wenn sie sie zum ersten Mal sehen. Es ist seine und ihre Art, Leutseligkeit auszudrücken. Die Queen entzog sich Michelles Annäherung nicht, sondern legte umgekehrt ihren Arm um Michelles Taille.

Am Donnerstag fanden die US-Fernsehsender ihren eigenen Weg, mit dem Vorfall umzugehen. Sie berichten seit Tagen, Michelle werde in Europa als neuer Weltstar bejubelt, in derselben Liga wie einst Jacqueline Kennedy oder Lady Diana. Am Donnerstag zeigten die TV-Sender immer wieder die Bilder, wie Michelle der um einen Kopf kleineren Queen den Arm auf die Schulter legt – mit dem Kommentar, das solle man zwar eigentlich nicht tun. Aber offenbar habe die Geste der Queen gefallen, schließlich habe sie sie erwidert.