Dass das Internet einen Meinungsmüll hervorbringe, einen Lärm aus Informationen, das ist ein betagter Seufzer. Desgleichen beklagte bereits der Kulturkritiker Béla Balázs, als das Radio zur neuen Informationsquelle aufstieg. Er fürchtete ein Chaos, das die Menschen verunsichere. Man könnte nicht mehr unterscheiden, wem man glauben könne und wem nicht.

Wie im Fall des Radios und später des Fernsehens, geht es seit Jahren auch beim Internet um Meinungen. Wer eine haben darf und wer nicht, auf wen man hören soll und auf wen nicht. Es gibt Netzkritiker, die sagen, Meinung sei eine Sache Weniger. Sie wollen die Meinung einzäunen, verteilen an eine kleine Gruppe von Privilegierten. Und sie haben Angst vor der Masse derer, die sich ebenfalls öffentlich äußern können, in Blogs zum Beispiel. Es geht um Offline und Online. Die Streithähne beider Parteien sind freilich in der Unterzahl. Aber ihr Geschrei ist so laut, dass sie die sachlichen Debatten übertönen:

Ihr seid flach. Ihr seid elitär. Ihr seid schlecht. Ihr seid verschnarcht. Ihr seid eitel. Ihr doch auch. Ihr braucht Kontrolle. Ihr seid in fünf, zehn, zwanzig Jahren weg vom Fenster. Ihr seid defizitär. Ihr habt den Schuss nicht gehört. Netzapologet. Opi.

Es ist nicht besonders keck zu behaupten, dass in vielen Blogs, im Internet generell, einiger Unfug steht. Dagegen erstaunlich ist, dass Netzkritiker nun so erschrocken tun, als begegne ihnen dieser Unfug zum ersten Mal. Als sei das Medium daran schuld! Als würde ein DSL-Kabel Menschen dazu animieren, das Reden wie Unzucht zu betreiben. Da es doch eine der Haupteigenschaften des Menschen ist, zu allem und jederzeit eine Meinung zu haben. Was letztlich zählt, ob online oder offline, ist das Argument. Für ein gutes braucht es mehrere Dinge: Wissen, Bildung, Zeit, Sprache. Das gibt’s auf beiden Seiten. Mal mehr, mal weniger.

Auch in Zeitungen steht gelegentlich Unsinn. Viele derjenigen, die über Blogs, Tweets und Internetforen blindlings urteilen, können sich einzig aufs Papier flüchten, das sie beschreiben. Die Klage über sprachliche, formale und inhaltliche Mängel im Internet – so oft sie auch zutreffen mag – verschleiert, wie viel Gedrucktes unter den gleichen Problemen leidet. Wir blättern durch pietätlose Magazinfotostrecken über Opfer von Amokläufen. Wir sehen Pornoheftchen im Regal. Wir lesen manchmal werbegesteuerte Artikel.

Wer das Gefühl hat, sich gegen das Internet verteidigen zu müssen, sollte sich erinnern, wie viele Lesekatastrophen die analoge Welt bereithält. Und nicht erstarren im staunenden Schaudern vor einer Netzwelt, in der man den neuen Ausläufer eines alle Jahre wiederkehrenden Kulturverfalls vermutet. Geht man beispielsweise in eine großstädtische Buchhandlung, wird man alsbald erstickt unter minderwertiger Stapelware.

Was sich so im Gewand eines Buches, gar der Literatur kleidet, ähnelt zuweilen den jammervollen Plattitüden der unzähligen Online-Tagebücher, über die Netzkritiker die Nase rümpfen. Mit dem einen Unterschied, dass diese besagten Bücher lektoriert, gedruckt und verkauft werden und dergestalt papierener Beweis sind, dass Kontrolle, Geld und Qualität nicht unweigerlich zusammenhängen müssen.

Ob Blogs, Twitter und Chatforen – so wie einige Internetuser leider vergessen, dass nicht jede Klitzekleinigkeit der Welt mitgeteilt werden muss, vergessen die beflissenen Kulturschützer, dass das Internet keine Naturkatastrophe ist, der jeder sich hilflos ausliefert, wer bloß den Monitor anschaltet. Für Papier und Digitales gilt das Gleiche: Was ich nicht lesen will, das lese ich nicht.

 Freilich: Einige der neuen Textgattungen im Internet müssen sich als adäquate Form noch beweisen. Doch die Zeit sollte man ihnen geben, anstatt reflexhaft "Verflachung, Verflachung" zu rufen. Auf der anderen Seite sollten Internetfans nicht sofort darin die Zukunft des Journalismus vermuten, wenn Erdbebenopfer, kaum dass sie den Trümmern entstiegen, über ihre Erlebnisse twittern.

Wie immer hilft: Reden! Einen Beitrag zu dieser Annäherung zwischen Online und Offline, zwischen neu und alt leistete kürzlich vielleicht Ulrich Raulff, der Direktor des Marbacher Literaturarchivs. Als er zu Friedrich Schiller befragt wurde, sagte er: Vermutlich würde Schiller heute bloggen oder twittern. Er würde einfach das Medium wählen, das die "größte Power" habe.

Obwohl, wer weiß, ob das nicht  wieder Streit gibt.