"In was für einer Gesellschaft wollen Sie leben?", hat die Stiftung für Zukunftsfragen ausgerechnet in Zeiten der Wirtschaftskrise gefragt. Die Antworten legen nahe, dass es einen neuen Trend zum Miteinander geben könnte – die Mehrheit der Befragten wünscht sich eine Gesellschaft, in der Hilfsbereitschaft und Verantwortung eine Rolle spielen. Ein Gespräch mit dem wissenschaftlichen Leiter der Zukunftsstiftung, Professor Horst Opaschowski

ZEIT ONLINE: Zwei Drittel der Befragten möchten in einer Sozialgesellschaft leben. Dagegen ist die Wohlstandsgesellschaft, die sich 38 Prozent vorstellen können, abgeschlagen. Wie kommt das?

Horst Opaschowski: Das Verständnis von Wohlstand verändert sich. In früheren Jahrhunderten hieß Wohlstand zum einen körperliches Wohlergehen, also Gesundheit, und zum zweiten Glücklichsein, sich ganz einfach wohl zu fühlen. Zu Wirtschaftswunderzeiten hat Ludwig Erhard den Wohlstandsbegriff geprägt, als er von ,Wohlstand für alle‘ sprach und damit materiellen Wohlstand meinte. Aktuell kommt es zu einem erweiterten Begriff, der die Faktoren körperliches Wohlergehen und Glück wieder aufgreift. Auf die Frage, was sie unter Wohlstand verstehen, antworten die Deutschen an erster Stelle mit ,Glücklich sein‘ und erst an letzter mit ,Reichsein‘.
Als Pionier sehe ich die jüngere Generation. Ich nenne sie auch ,Generation V‘, weil sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, was den Deutschen insgesamt am wichtigsten ist: Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit. Dabei muss man beachten, dass es sich um eine Art kalkulierter Hilfsbereitschaft handelt. Es kommt zu Gemeinschaften, die auf Gegenseitigkeit beruhen und nicht auf Nächstenliebe. ,Hilfsbereite Egoisten‘ nenne ich die.

ZEIT ONLINE: Worauf oder auf wen ist denn Verlass?

Opaschowski: Von der Politik fühlen sich die Bürger schon länger getäuscht und der Wirtschafts- und Finanzwelt trauen sie auch nicht mehr. Dadurch steigt das Vertrauen in sich selbst und die Mitmenschen. Die Menschen rücken zusammen.

ZEIT ONLINE: Wie jung oder alt ist diese veränderte Haltung, seit wann zeichnet sie sich ab?

Opaschowski: In den 90er-Jahren ging es noch darum, sich nicht festlegen zu lassen, keine festen Bindungen einzugehen und flexibel zu sein. Das ist seit dem 11. September 2001, spätestens seit der Wirtschaftskrise vorbei. Jetzt müssen wir uns auf Fähigkeiten besinnen, die wir haben verkümmern lassen.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Fähigkeiten?

Opaschowski: Das ist einmal das Eingehen dauerhafter Bindungen und das ist die Sorge für die Zukunft. Aber nicht nur materielle Vorsorge, sondern auch soziale. Dazu gehören ,soziale Konvois‘ – lebenslange Begleiter aus verschiedenen Generationen. Die müssen keine Blutsverwandten sein, das können auch Freunde oder Nachbarn aus Hausgemeinschaften oder neuen Wohnformen sein.