Damit mal gleich die Kuh vom Eis ist: Das hier ist kein satirisches Buch, auch wenn der Titel es vermuten ließe: Die Kuh. Leben, Werk, Wirkung lautet er, und zumindest Deutsch-Leistungskursler dürften sich unweigerlich an Metzlers Lektürehilfen erinnert fühlen, mit denen man es manchmal sogar noch durch die ersten Semester Germanistik hat schaffen können.

Tatsächlich ist Florian Werner promovierter Literaturwissenschaftler, allerdings einer mit einem die klassischen Fächergrenzen sprengenden Horizont. Das zeigt nicht nur das Thema seiner Promotion, die sich mit den Zusammenhängen von Rap und Weltuntergang beschäftigt hat, oder seine Auftritte als Sänger, Musiker und Texter der Gruppe Fön. Es ist nicht zuletzt auch seine jüngste Veröffentlichung, die sich auf den ersten Blick ein scheinbar so banales wie skurriles Thema vornimmt: die Kuh.

Was Werner indes auf knapp 240 materialgesättigten Seiten präsentiert, ist eine durchaus ernsthafte und ernst zu nehmende kleine Kulturgeschichte über ein Tier, dessen Faszinationspotenzial zwar, sagen wir, gering ist - dem aber ein entscheidender Anteil an der Sesshaftwerdung des Menschen, also der wesentlichen zivilisationsgeschichtlichen Wegmarke überhaupt zugesprochen wird.  

Die Gründe dafür, dass der Kuh heutzutage eher das Image von Behäbig- und Mittelmäßigkeit anhaftet, vollzieht Werner in seinem Buch natürlich auch nach, indem er zeigt, wie ursprünglich biologische Konstitutionsmerkmale oder historische Notwendigkeiten mit symbolischem Gehalt gefüllt werden.

So erklärt sich die körperliche Ruhe der Kuh, die sie zum Sinnbild des Stoischen hat werden lassen, mit ihrer Eigenschaft als Beutetier. Für das ist es in freier Wildbahn überlebensnotwendig, weder Panik noch Schmerz zu zeigen, um nicht die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf sich zu lenken. Ähnlich: ihre Augen. Sie sind dafür geschaffen, ein maximal großes Sichtfeld zu haben, um Angreifer möglichst früh erkennen zu können. Uns sind sie indes vor allem Ausdruck der psychischen wie physischen Lethargie der Kuh. Werner argumentiert aber auch etymologisch: "Ruminare", lateinisch für das Wiederkäuen, bedeutet nebenbei "intensiv über eine Sache nachdenken".

Wirklich interessant wird es spätestens da, wo Werner die zeitgenössische Sicht auf die Kuh mit der anderer Länder und Epochen vergleicht. Er macht deutlich, wie die symbolische Karriere der Kuh an die Geschichte ihrer Domestizierung gebunden ist. Frappierendes Beispiel hierfür ist besagtes Kuhauge. Das nämlich galt in der Antike, als Viehzucht noch nicht derart gigantische Ausmaße angenommen hatte, als Schönheitsideal.  Hera, Gattin des Zeus, hatte den sehr wohl schmeichelhaft gemeinten Beinamen "boopis", die Kuhäugige. Dass man mit diesem Kompliment heute keine Sympathien gewinnen könne, ist der lakonische wie kaum zu bezweifelnde Kommentar von Werner.