Mehr als 100 Jahre lang baute der Osnabrücker Cabrio-Spezialist Karmann Modelle wie den Spyker C8 Spyder, den VW Porsche oder den Karmann Ghia. Rund drei Millionen Autos sind seither von den Bändern gelaufen. Karmann fertigte Fahrzeuge in den deutschen Fabriken in Osnabrück und Rheine, aber auch in Zweigwerken in Brasilien. Am gestrigen Mittwoch musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. 3500 Mitarbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz.

Der Schritt kam keinesfalls überraschend. Karmann kämpft seit Jahren um neue Aufträge, während alte Verträge ausliefen. Viele Autobauer holten zuletzt Teile ihrer Produktion in die eigenen Fabriken zurück, um diese besser auszulasten. Auch mit eigenen Konzepten, wie dem eines VW-Polo-Cabrios, hatte man keinen Erfolg. Hinzu kamen Streitigkeiten, etwa mit Porsche. Karmann warf dem Autobauer vor, er habe Details des Boxster bei den Osnabrückern abgekupfert. Chrysler wirft man Vertragsverletzungen vor.

Weitere Aufträge gingen verloren. 2007 baute Karmann den letzten Chrysler Crossfire. Im Februar dieses Jahres lief das letzte A4-Cabrio vom Band - ein Großauftrag, der sich nicht ersetzen ließ. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte die Unternehmensführung deshalb entschieden, die Fertigung von kompletten Fahrzeugen aufzugeben. Stattdessen wollte Karmann sich als reiner Zulieferer auf das Geschäft mit Dachsystemen und auf Entwicklungsarbeit konzentrieren.

Bereits damals ging eine Tradition zu Ende. Karmann fertigt seit 1902 Autokarrosserien. In den guten Jahren war man eine verlängerte Werkbank der deutschen und internationalen Autohersteller. Karmann sprang dann ein, wenn in den anderen Fabriken die Kapazitäten nicht ausreichten. Das Unternehmen baute zum Beispiel für BMW diverse Coupés, für Ford den Cabrio, viel auch für VW: den Scirocco in den Siebzigern und Achtzigern, den Corrado in den Neunzigern und die Cabrio-Versionen von Käfer und Golf bis in dieses Jahrtausend.

Vor allem aber galt Karmann als Spezialist für Cabrios. Der Karmann Ghia, das Nachkriegs-Coupé auf Käferbasis, trug den Namen des Unternehmens sogar gemeinsam mit dem seines italienischen Designers als Modellbezeichnung. Den Wagen hatte man im Auftrag des VW-Konzerns komplett selbst entwickelt. Mit mehr als 400.000 gebauten Exemplaren war er eins der meistgebauten Fahrzeuge des niedersächsischen Unternehmens. Nur der Scirocco und die Cabrio-Version des ersten Golf schafften noch ein paar Exemplare mehr. 

Solche Zeiten sind lange vorbei. Erst im März fielen der Neuausrichtung 1340 Arbeitsplätze zum Opfer. Damals schloss man mit den Mitarbeitern einen Sozialplan. Die Kosten hierfür, so heißt es aus der Geschäftsführung, hätten zuletzt das Unternehmen belastet. Die Autokrise habe die Lage weiter verschärft. Nun hoffen die Mitarbeiter auf ein Weiterleben des Konzerns, möglicherweise mit einer anderen Ausrichtung. An diesem Donnerstag will die Geschäftsleitung rund 1000 Mitarbeiter über die weiteren Schritte informieren.