ZEIT ONLINE: Herr Schreiber, L'Aquila in den Abruzzen liegt in Trümmern. Viele fragen sich, wie künftig solche Katastrophen verhindert werden können. Sind Erdbeben wirklich nicht vorhersehbar?

Ulrich Schreiber: Erdbeben sind wahrscheinlich ein chaotisches System. Manche Beben kündigen sich scheinbar an, weil zum Beispiel an der Oberfläche Gase austreten wie Helium oder Radon. Letztlich entscheiden hier kleinste Ursachen, ob die Erde bebt oder eben nicht.

ZEIT ONLINE: Es gibt also Vorzeichen?

Schreiber: Ja, sie hängen aber davon ab, welcher  Typ von Beben eintritt. Was fehlt, ist die Gewissheit. Es kann durchaus sein, dass man künftig eine Vorhersage treffen kann, dass etwa die Gefahr eines Bebens wächst. Wie beim Wetterbericht. Die Uhrzeit, wann es zu einem Beben kommt, wird man allerdings kaum bestimmen können.

ZEIT ONLINE: Woran hakt es derzeit noch?

Schreiber: Man braucht eine genaue Kenntnis der Plattentektonik im Untergrund. Oft weiß man nicht, welche Störungen im Boden zu einem Beben führen, und ob diese Störungen an der Oberfläche überhaupt zu sehen sind – durch Risse oder typische Mineralisationen. Dann ist die Frage: An welcher Stelle messen Sie überhaupt Gase, die Aussagen über Veränderung im Untergrund erlauben.

ZEIT ONLINE: Welche Stellen eignen sich?

Schreiber: Solche, die eindeutig zu einer Bruchzone gehören und in große Tiefen reichen. Durch Spannungen vor einem Beben können sich Spalten öffnen und verstärkt Gase freisetzen. Auch dort, wo bereits Gase aus der Tiefe austreten, sind Messungen sehr sinnvoll. Ein Vorwarnsystem kann nur deutbare Ergebnisse liefern, wenn viele Messinstrumente an den richtigen Stellen zu einem Netz verknüpft sind, um die Gasströme zu beobachten. Hinzu kommen dann weitere Messgeräte, die etwa die Geophysik analysieren.