Die großen Schlagzeilen auf den Titelseiten gleichen einer publizistischen Hinrichtung. In riesigen Lettern berichten Deutschlands Boulevardmedien an diesem Mittwoch über die Verhaftung der Sängerin einer Popgruppe. Sie schreiben über ihre mögliche Infektion mit dem HI-Virus, über intime Details ihres Sexuallebens sowie über den Verdacht, sie habe einen Sexualpartner angesteckt und sich dadurch der schweren Körperverletzung schuldig gemacht.

Nach allen Regeln der Kunst des Boulevards wird die prominente Frau vorgeführt. Dabei stützen sich die Zeitungen auf die Öffentlichkeitsarbeit der Staatsanwaltschaft Darmstadt, die zuvor in einer Pressemeldung ausführlich über ihren "dringenden Tatverdacht" informiert hatte. Wobei die Frage, was ist Verdacht und was ist Tatsache in der Berichterstattung vieler Zeitungen, nicht mehr sauber getrennt wird. Von einer "Hexenjagd" spricht deshalb die Deutsche Aidshilfe.

Für den Presserechtsanwalt der Betroffenen, Christian Schertz, ist die Berichterstattung der Medien über diesen Fall insgesamt "rechtswidrig", solange von der Staatsanwaltschaft keine Anklage erhoben worden sei. Dies gelte umso mehr, heißt es in einer schriftlichen Erklärung, als die Sachverhalte, die jetzt zum Gegenstand des Vorwurfes gemacht wurden, mehrere Jahre zurückliegen und die Intimsphäre der Mandantin betreffen. Zudem wirft der Anwalt der Staatsanwaltschaft vor, deren Pressemeldung habe "nicht im Einklang mit den geltenden Vorschriften des Landespressegesetzes" gestanden. In Abwägung der sich gegenüberstehenden Interessen hätte eine behördliche Erklärung über den Tatvorwurf unterbleiben müssen. Mittlerweile hat Schertz vor dem Landgericht Berlin gegen die BILD-Zeitung eine einstweilige Verfügung auf vollständige Unterlassung der Berichterstattung erwirkt.

Hat also die Staatsanwaltschaft erstens die Öffentlichkeit unzulässiger Weise über die Verhaftung informiert, weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind und diese den intimsten Bereich der Privatsphäre berühren? Und dürfen die Medien deshalb zweitens nicht über den Fall berichten? Auch in der ZEIT-ONLINE-Redaktion wurde diese Frage in den letzten beiden Tagen kontrovers diskutiert.

Die Rechtsexperten sind sich, wie so häufig, nicht einig. Der Medienanwalt und ZEIT-ONLINE-Justitiar Jörg Nabert erklärt weiterhin: "Es darf berichtet werden." Schließlich bestehe ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit an der Tatsache, dass und warum die prominente Sängerin inhaftiert wurde. Auch der Haftgrund "Wiederholungsgefahr" dürfe mitgeteilt werden.

Den Anspruch auf den Schutz ihrer Privatsphäre habe die Sängerin dadurch verwirkt, so Nabert, dass sie in der Vergangenheit ihr Privatleben in der Öffentlichkeit ausgebreitet habe. Wer sich in den Boulevard begibt, dürfe sich nicht beschweren, wenn sich dieser anschließend im Falle negativer Meldungen mit denselben Mitteln gegen einen wende.