ZEIT ONLINE : Frau Kempe, in Georgiens Hauptstadt Tiflis gibt es eine Massendemonstration gegen Präsident Michail Saakaschwili. Warum gehen die Menschen auf die Straße?

Iris Kempe : Die Georgier sind extrem unzufrieden mit ihrem Präsidenten. Saakaschwili wird verantwortlich gemacht für den verlorenen Krieg gegen Russland, für den Verlust von Abchasien und Südossetien und das ungelöste Flüchtlingsproblem. Tausende Menschen sind vor der russischen Armee im August 2008 geflohen und kampieren heute noch in Notunterkünften. Die Leute haben keine Arbeit und keine Perspektive.

ZEIT ONLINE : Die Georgier demonstrieren also gegen die unfähige Regierung und nicht für mehr Demokratie wie die Menschen während der orangenen Revolution in der Ukraine?

Kempe : Die Kritik richtet sich tatsächlich fast ausschließlich gegen Saakaschwili. Er ist der Buh-Mann der Nation, das Feinbild schlechthin. Die Forderung der Demonstranten beschränkt sich auf: Saakaschwili soll weg. Nur wenige Intellektuelle fordern die Stärkung des Parlaments oder einen Ausbau der demokratischen Strukturen.

ZEIT ONLINE : Wer demonstriert gegen den Präsidenten, aus welchen Gesellschaftsschichten kommen die Menschen?

Kempe: Die breite Öffentlichkeit geht demonstrieren. Die Menschen kommen eigentlich aus allen Gesellschaftsschichten.

ZEIT ONLINE : Erwarten sie eher friedliche Proteste oder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Opposition und Sicherheitskräften?

Kempe : Ich bin besorgt. Die Lage kann schnell eskalieren. Die Befürchtungen aller Experten sind sehr groß. Vertreter der georgischen Zivlilgesellschaft haben mich gefragt, welche europäischen Politiker vermitteln könnte, falls die Gewalt eskaliert, wer ihnen helfen kann.