Die Bewohner Mittelitaliens sind am Donnerstagmorgen erneut aus ihren Häusern geflohen, als Nachbeben den Boden zum wiederholten Mal erschütterten. Es waren die stärksten Nachbeben nach dem eigentlichen Hauptbeben am Montagmorgen. Ein Beben kurz nach Mitternacht erreichte einen Wert von 5,2 auf der Richterskala und reichte damit fast an die Stärke des Erdbebens rund um die Stadt L'Aquila von 5,8 heran. Das Nachbeben war sogar im 100 Kilometer entfernten Rom zu spüren und verursachte weitere Schäden an vielen Gebäuden. Berichte über neue Tote lagen zunächst nicht vor.

Unterdessen ging die verzweifelte Suche nach weiteren Verschütteten auch in der Nacht weiter - allerdings zunehmend ohne große Hoffnung, die Menschen noch lebend zu finden. Dennoch wollen die rund 8500 Helfer noch bis Ostern weiter in den Trümmern graben, unter denen noch Dutzende Verschüttete vermutet werden. "Dann werden die zerstörten und beschädigten Häuser gesichert, und der Wiederaufbau wird beginnen", kündigte Italiens Innenminister Roberto Maroni an.

Zuletzt wurde in L'Aquila die Leiche eines jungen Mannes aus einem eingestürzten Studentenheim geborgen. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 273, unter ihnen 16 Kinder. Knapp 500 Menschen gelten noch als vermisst.

Für Karfreitag bereitet die Katholische Kirche einen Staatstrauerakt in L'Aquila vor. Dann soll auch ein staatliches Massenbegräbnis stattfinden. Papst Benedikt XVI. will den Opfern "sobald möglich" Trost spenden - aber erst nach Ostern. Berichte über einen Papst-Besuch am Karfreitag wurden vom Vatikan dementiert. Er werde den unter nächtlicher Kälte, Wassermangel und Stromausfall leidenden Menschen in den Abruzzen erst später beistehen.

In Italiens Blätterwald rumort es weiter. Die Medien kritisieren, dass Tausende von Gebäuden, darunter auffällig viele neuerer Bauart, durch das nicht extrem starke Beben wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen seien. Nicht einmal der Staat habe die Bauauflagen eingehalten, mäkelte die Turiner La Stampa. Die in Trümmern liegende Präfektur von L'Aquila sei somit nahezu ein Symbol für Italien. Viele Millionen Italiener leben in erdbebengefährdeten Häusern, während das Land einen hervorragenden Zivilschutz hat - und eines der anerkannten Erdbebeninstitute.

Das folgenschwerste Erdbeben in Italien seit 1980 hatte in der Nacht zum Montag die Abruzzen-Region verwüstet. Neben den Toten gab es etwa 1000 Verletzte, knapp 30.000 Menschen sind ohne Dach über dem Kopf, rund 18.000 sind bisher in Zeltstädten untergekommen. Dort harren sie bei eisigen Temperaturen und Regenwetter der Dinge.