US-Präsident Obama hat mit seiner ersten großen Auslandsreise ein eindeutiges Signal gesetzt: Volle zwei Tage hat er die muslimische Türkei besucht und ihr damit Priorität vor den westeuropäischen Ländern gegeben. Dagegen haben Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel die Türken noch nicht einmal einbezogen, bevor sie sich intern auf einen neuen Generalsekretär der Nato einigten.

Hier ist ein Unterschied in der Einschätzung der Türkei zu besichtigen, der für Europas Politik und seine Gesellschaften Folgen haben wird.

"Gestatten, ich bin der Neue." Barack Obama hat in dieser Woche in Istanbul und Ankara eine Charmeoffensive geführt, welche die Türken lange Zeit nicht aus westlicher Richtung erlebt haben. Er sprach ausführlich mit Präsident Gül und Premier Erdogan, er redete im Parlament, mit Studenten, mit der politischen Opposition, mit Religionsführern, mit Kurden, Griechen, Armeniern. Obama ist tief in die türkische Realität eingetaucht, er hat das Land umworben und mit einem Lächeln gewonnen. Das war bitter nötig nach den Jahren der Eiszeit zwischen Washington und Ankara. Als Folge des Irakkriegs waren die Beziehungen zerrüttet, Amerika war für die Türken jahrelang das unsympathischste und gefährlichste Land der Welt. Das dürfte sich jetzt schnell drehen.

Die neue Sympathie wird sich für Amerika auszahlen. Die Türkei, so haben Erdogan und Gül versprochen, werde im Mittleren Osten für Amerika den Boden planieren, so gut es irgend gehe. Iran, Syrien, Palästina – überall, wo es für Washington Dolmetschprobleme gibt, werden die Türken helfen. Der Rückzug von US-Truppen aus dem Irak wird wohl hauptsächlich über die Türkei laufen. Die Türken werden die mit den USA verbündeten irakischen Kurden nicht mehr in die Ecke drängen, sondern das Gespräch mit ihnen vertiefen. Amerika wird einige seiner großen Sorgen im Mittleren Osten los. Obama aber regte noch mehr an. Er wiederholte bei verschiedenen Gelegenheiten mit Aplomb, dass er sich die Türkei in der EU wünschte.

Das löste bei Nicolas Sarkozy und Angela Merkel den Pawlowschen Reflex aus. Die Türkei in die EU? "Ganz ausgeschlossen, da war ich schon immer dagegen!", erregte sich der Franzose. Und die Deutsche kartete nach: "Wir bevorzugen andere Lösungen." Warum nicht entspannter? Hätten nicht beide entweder klug schweigen können oder sagen: "Na, wer führt denn wohl die Beitrittsverhandlungen, Europa oder die USA?" Drin ist die Türkei damit lange noch nicht, wie alle wissen.