Dieter Zetsche hätte wohl kaum damit gerechnet, je Hauptdarsteller eines Theaterstücks zu sein. Und das unfreiwillig. Der Daimler-Vorstandsvorsitzende konnte sich nicht dagegen wehren, dass die Theatergruppe Rimini Protokoll die gestrige Hauptversammlung der Daimler AG in Berlin zum Schauplatz einer ungewöhnlichen Inszenierung gemacht hat.

Dass hochrangige Manager gute Schauspieler sein müssen, wissen wir spätestens seit dem Zusammenbruch der Finanzwirtschaft. Da liegt es im Sinne eines kritischen Theaters nahe, Realität und Kunst zu vereinen. Rimini Protokoll kaufte also Daimler-Aktien und verschaffte damit rund 200 Zuschauern Zutritt zum Konferenz-Zentrum ICC, in dem die Aktionäre gut zwölf Stunden lang tagten. Die Daimler AG war von dem Projekt informiert und konnte die Theatergäste nicht aussperren – schließlich schrieb das Aktienrecht die, wenn auch bürokratische, Dramaturgie vor:

Es ist 8.00 Uhr. Es ist hektisch und laut. Es riecht nach Kaffee. Im ersten Akt stürzen sich die Aktionäre auf das Frühstücks-Buffet. Die Theaterzuschauerin Maria Wolgarst steht etwas abseits, hält eine Tasse Tee in der Hand und blickt auf das Spektakel. "Das ist Theater extrem. Wir beobachten einfach, was hier geschieht", sagt sie. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein weißes Buch. "Hauptversammlung. Ein Schauspiel in 5 Akten" steht auf dem Titel. Rimini Protokoll hat das 112-seitige Programmheft gestaltet. Neben einer Auflistung zur Besetzung, also dem Vorstand der AG, und einer Illustration des Bühnenaufbaus liefert es detaillierte Beschreibungen des Ablaufs.

Im zweiten Akt hält Maria Wolgarst eine Checkliste zu den vorgeschriebenen Protokoll-Punkten einer Aktionärsversammlung bereit. Werden die Aktionäre begrüßt? Wolgarst setzt einen Haken aufs Papier. Applaus gespendet? Erledigt. Gedenken an die Toten. Abgehakt. Vorstellung des Notars. OK. Noch mal Applaus? Abgehakt.

"Eine solche Versammlung ist ein Ritual", sagt Daniel Wetzel von Rimini Protokoll. "An sich ist es kein Ereignis, hier geht es nicht um Neuigkeiten. Wann geklatscht wird, steht vorher fest." Vielmehr sei die Versammlung als ein Stück zu sehen, in dem jeder seine Rolle spiele – Redner, Zuschauer, Hostessen und Journalisten. Denunzieren wollen die Theatermacher den Auto-Konzern damit nicht, nur auf Versammlungen als eine Art Schauspiel aufmerksam machen.

Den Höhepunkt der Aktionärsversammlung erleben die rund 8.000 Anwesenden – wie so oft im Theater – im dritten Akt. Nun trägt der Daimler-Chef Dieter Zetsche den Geschäftsbericht vor. "Das erste Quartal wird deutlich negativ", sagt er. "Desch isch super", ruft ein Schwabe aus den Rängen dazwischen. Das Publikum lacht. Zetsche spricht weiter, jetzt über Entlassungen. Auftritt Schwabe: "Ja, desch kannsch." Da ruft ein anderer: "Raus!" Die ersten Aktionäre im Saal erheben sich. Nach und nach fallen alle ein: "Raus, raus, raus!" Das Publikum übernimmt die Regie und lässt den Aufrührer vom Tagungsort entfernen. Ende Akt drei.

Maria Wolgarst sieht den dramatischen dritten Abschnitt über einen Bildschirm in der Lobby ICC. Sie kichert, als das Publikum zum "Raus"-Chor ansetzt. "Das ist super", ruft sie.