Der schwer belastete Manager des THW Kiel, Uwe Schwenker, ist auf Druck des Vereins und der Sponsoren zurückgetreten. Es heißt, die Trennung habe nichts mit möglichen Schiedsrichterbestechungen zu tun. Das klingt wie ein Witz. Oder nach einer Halbherzigkeit. Mit Halbherzigkeit lässt sich aber die derzeitige Mission nicht erfüllen, die da heißt: den Handball von seinen Missetaten und Missetätern zu befreien.

Schwenker wird seit Wochen vorgeworfen, über rund ein Jahrzehnt lang im Europapokal Schiedsrichter gekauft zu haben. Vorige Woche hat ihn Hamburgs Präsident Andreas Rudolph zusätzlich belastet, indem er von einem alkohollastigen Gespräch vor zwei Jahren berichtete, in dem Schwenker damit geprahlt habe, in der Champions League könne man nur mit Geldkoffern Erfolge zeitigen. Schiedsrichterbestechung als eine Art "Notwehr", eine Notwendigkeit, um Chancengleichheit zu erlangen.

Inzwischen werden die Handballgeschichten rückblickend so erzählt: Die Dummen waren diejenigen, die nicht bestochen haben. So soll sich der VfL Gummersbach in der Branche lächerlich gemacht haben, weil er Schiedsrichter nicht in Luxushotels unterbrachte, weil er ihnen keine Shopping-Tour zahlte, weil er keine Prostituierte aufs Zimmer schickte, weil er sich also an die Regeln hielt – und daraufhin, trotz guter Hinspielergebnisse, aus dem Europapokal ausschied.

Vielen haben seit langem von vielem gewusst. Bei Auswärtsspielen in Osteuropa sollte man für ein Unentschieden fünf Tore besser sein, hört man von Spielern und Experten schon seit Jahrzehnten. Hat sich also Kiel bloß internationalen Gepflogenheiten angepasst? So einfach darf es sich der deutsche Handball nicht machen. Warum hat man das Spiel mitgespielt, warum hat man das Übel nicht bekämpft? Und wenn jemand über Jahre im internationalen Wettbewerb betrügt – warum sollte derjenige in der Bundesliga seine Moral entdecken? Kann ein Verein, der die Champions League gekauft haben soll, von sich behaupten, er sei rechtens Deutscher Meister?

Das sind Fragen im Konjunktiv, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Gut, dass sie es tut und nicht die Sportverbände. Denn wenn Missstände aufzudecken sind, pochen sie gerne auf ihre Autonomie. Der Präsident des Handballweltverbands (IHF) Hassan Moustafa spricht gerne, wie sein Fußballpendant Joseph Blatter, von der "Familie". Es ist der Vertuschungsklassiker im Sport. Und das Motto der Mächtigen im Handball: IHF und Europas Handballverband EHF tragen wenig zur Aufklärung bei, wie nicht nur Nationaltrainer Heiner Brand klagt. In der Handball-Liga (HBL) war zunächst von "Ehrenmännern" die Rede, unter denen man alles klären könne. Auch der Deutsche Handballbund, eine Sammlung guter alter Freunde, verlegt sich aufs Mauern. Statt voranzugehen.

Aber es gibt sie, die Verantwortlichen, die ihre Sorgen um den deutschen Sport Handball kundtun: etwa Flensburgs Manager Fynn Holpert (42), der vor zwei Jahren ein Champions-League-Finale gegen Kiel verlor. Oder Wetzlars Geschäftsführer Axel Geerken (36), der es befürwortet, dass sich die Staatsanwaltschaft des Falles angenommen hat. Auch Frank Bohmann, der Geschäftsführer der HBL, redet offen über das Korruptionsproblem: "Ich sehe die einzige Chance darin, dass wir unter Zuhilfenahme von externen Experten den Sumpf trockenlegen." Noch sind diese Stimmen jedoch zu leise und unkoordiniert, Bohmann scheint ohnehin die Lobby in der Liga zu fehlen. Der Rückzug Schwenkers, des Uli Hoeneß des Handballs, könnte eine Chance für diese neue Generation sein. Alleine, sie ergreift sie derzeit nicht entschlossen genug.

Der deutsche Handball kann die aktuelle Not überstehen. Er hat eine starke Basis, in manchen Regionen zählt dieser rasante und harte Sport mehr Vereine und Anhänger als der große Bruder Fußball. Doch wenn er weiter florieren will, muss ein Machtwechsel in den Verbänden und Vereinen über die Bühne gehen. Die erste Aufgabe der neuen Führungen wird es sein, ihren Sport zu säubern. Und sauber zu halten. Retter gesucht.