Im Blitzlicht der Erinnerung – Seite 1

Im Jahr 2006 reisten junge ukrainische Autoren als sogenannter "Zug 76" durch Deutschland und eroberten die Lesebühnen. Bekannte Schriftsteller unterstützten sie, zum Beispiel Juri Andruchowytsch, ohne den man sich das literarische Leben Osteuropas heute nicht mehr denken kann. Der "Zug 76" begann als Zeitschrift, wurde zum Internetportal und gab schließlich der Lesetournee den Namen.

An ihr nahm auch Taras Prochasko (geb. 1968) teil, der seit seinen ersten Veröffentlichungen in Tschetwer, der "Zeitschrift für Texte und Visionen", zu den wichtigsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur zählt. Einen seiner fünf Prosabände hat Maria Weissenböck nun ins Deutsche gebracht: Daraus lassen sich ein paar Erzählungen machen.

Prochasko filtert aus seinem Lebenstext Geschichten. Sein Stoff sind die Rückblicke in die Jugendzeit, die tradierten Anekdoten seiner Familie, in denen zugleich die Geschichte einer Region mitklingt – Galizien, die heutige Westukraine, ehemals Provinz des habsburgischen Riesenreichs, später unter Herrschaft der Sowjetunion. Im Unterschied zum westlichen Trend schreibt Prochasko keine Chronik, keinen Familienroman. Ihn interessiert, wie die Erinnerung funktioniert.

Und so erzählt er: Prochasko setzt Blitzlichter, anti-chronologisch legt er ein Mosaik scheinbar nebensächlicher Momentaufnahmen. Der Erinnerungsstrom zerbricht im ersten Teil des Buches in Episoden von jeweils zehn Zeilen, scheinbar willkürlich gesetzt, wie auch das Leben, auch das Gedächtnis verfährt. Prochasko spielt durch diese Form,  ganz leicht und selbstverständlich den theoretischen Versuch und das sinnliche Erzählen ineinander. Das reizt den Intellekt.

Lieben aber wird man diesen Erzähler für seinen lapidaren, selbstironischen Ton und seine Figuren: Die Horde Jugendlicher, die den politischen Umsturz plant, indem sie sich mit den "Methoden der Spezialeinheiten rund um die Welt" befasst. Die exzentrische Tante Mira, die lieber von ihren zusammenstürzenden Büchern erschlagen wird, als dem Schicksal auszuweichen. Oder Onkel Mychas, der so gute Öfen und Keller baute, "daß er nach seiner Festnahme noch ein ganzes Jahr nicht in die Verbannung geschickt wurde".

Im Blitzlicht der Erinnerung – Seite 2

Wie die anderen ist Onkel Mychas "zu ironisch, um sich nicht gleichzeitig als Peiniger und Opfer zu sehen". Die absurde Normalität des Stalinismus erheitert ihn, und so schlägt er der Geschichte, die ihn unterjochen will, ein Schnippchen. Zumindest in der Erinnerung, in der Anekdote. Denn die Versicherung des Erzählers, dass es "so sein mußte", wenn Verwandte verhaftet wurden und aus der Verbannung mit schwersten gesundheitlichen Schäden zurückkehrten, wirkt unverhältnismäßig im Vergleich zum nicht mehr Erträglichen: das nächtliche Röcheln des asthmakranken Onkels, der Geruch ungewaschener Katzenpfoten. Es ist die Arbeit des Gedächtnisses, die das Verhältnis von Gewöhnlichem und Ungewöhnlichem verdreht. Eine Überlebensstrategie, wie die Ironie dieses Autors, für den kein Gras über die Dinge wachsen will.

Und vielleicht ist dies der Grund für den zweiten, poetologischen Teil des Buches: "Wie ich aufhörte ein Schriftsteller zu sein". Hier entfaltet Prochasko essayistisch, in 14 Kapiteln und in sachlichem Ton, dass Erfahrungen nicht vermittelbar sind. Oder warum zeigt der deutsche Gast am Ende auf so eklatante Weise, dass er nach all den Erklärungen und Geschichten rein gar nichts verstanden hat von der Ukraine? Das Schreiben scheint vergeblich, kann es doch die Wirklichkeit offensichtlich nicht transportieren.

Prochaskos theoretische Reflexionen erteilen dem Schriftsteller, der meint, erklären zu können, eine Absage. Dem Erzähler hingegen, der sich am Mündlichen orientiert, gelingt ein Kunststück: den "komplizierten Details" das Einfache einzuweben. Daraus lassen sich ein paar Erzählungen machen ist eine Kostprobe dieser Kunst.