Wer jetzt im Frühling auf dem Balkon oder im Park eine kleine Gartengrasmücke beim Zwitschern beobachtet, kann sich kaum vorstellen, dass dieser winzige Singvogel gerade einen Flugmarathon von mehr als 10.000 Kilometern hinter sich hat. Der Körper eines solchen Vogels ist nicht größer als eine Computer-Maus – und dennoch zählt Sylvia borin zu den Langstreckenziehern. Ihr Winterquartier liegt südlich der afrikanischen Sahara.

Zum Ende dieses Jahrhunderts werden einige Grasmücken-Arten auf dem Rückweg aus Afrika sogar noch 400 Kilometer weiter fliegen müssen. Das jedenfalls prognostizieren britische Forscher im Journal of Biogeography.

Das Team um Stephen Willis von der Universität Durham simulierte die Veränderung der Brutgebiete durch den Klimawandel für 17 Grasmückenarten in einem Computermodell. Neun davon werden demnach zum Ende des 21. Jahrhunderts deutlich weiter nach Norden fliegen müssen. Denn während sich die europäischen Brutgebiete in Richtung Norden verschieben, bleiben die Winterquartiere in Zentral- und Südafrika nach Ansicht der Forscher in denselben Breitengraden.

400 Kilometer – das klingt wie ein Katzensprung im Verhältnis zu der gewaltigen Strecke, die die Vögel insgesamt zurücklegen. Doch gerade für die kleinen unter ihnen kann dieser verlängerte Endspurt fatal enden: In Anpassung an ihre besondere Lebensweise finden Zugvögel ein optimales Gleichgewicht aus Energiespeicher und körperlicher Fitness. Die Kraftreserven sind knapp bemessen: Geht etwas schief, verhungern sie auf der Reise.

Die Vögel stimmen ihre Energiereserven genau auf die bevorstehende Etappe ab – zu vollgefressen sollten sie nicht an den Start gehen: Denn ähnlich wie ein Flugzeug, das umso mehr Treibstoff verbraucht je schwerer es ist, kostet jedes Gramm Körperfett die kleinen Singvögel zusätzlich Kraft.

"Vor der großen Etappe über die Sahara, wo sie nicht zum Fressen Rast machen können, legen sich die Langstreckenzieher ein besonders großes Fettpolster an", sagt Ommo Hüppop, Leiter der Inselstation des Instituts für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" auf der gleichnamigen Nordseeinsel. Dort untersucht und beringt der Ornithologe seit Jahren Zugvögel, um herauszufinden, wann und in welchem Zustand durch Europa ziehen.