Ganz am Anfang kann man Dieter Althaus die Anspannung anmerken. Im dunklen Anzug steht er am Montagmorgen in der Thüringer Staatskanzlei, die Hände umklammern das Rednerpult. Es ist sein erster  Auftritt im Amt seit seinem schweren Skiunfall. Der prachtvolle Barocksaal ist brechend voll, die Pressekonferenz wird live ins ganze Land übertragen.

Es ist ein enormer Erwartungsdruck, unter dem der Ministerpräsident steht. Und zunächst scheint er diesem nicht gewachsen zu sein. Mit fast regungslosem Gesicht, die Augen immer wieder auf sein Manuskript gerichtet, kommt er auf das Thema zu sprechen, um dessentwillen ihm heute so viel mehr Menschen zuhören als noch vor vier Monaten, als er nichts weiter war als der Ministerpräsident eines eher unbedeutenden Bundeslandes.

"Der 1. Januar hat mein Leben verändert, aber auch das der Familie Christandl", sagt er. Ein Mann habe seine geliebte Frau verloren, ein einjähriges Kind seine Mutter. "Ich trage schwer daran".

Es sind weniger die Worte, die irritieren. Es ist die Unbeweglichkeit seines Gesichts, es ist vielleicht auch der geschäftsmäßige Tonfall, in dem Althaus jede x-beliebige Regierungserklärung hätte abgeben können. Mit der gleichen Stimmlage wendet er sich nach etwa einer Minute der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise im Allgemeinen und ihren besonderen Auswirkungen auf Thüringen zu.

Sicherlich, für Althaus geht es an diesem Morgen nicht in erster Linie um Vergangenheitsbewältigung: Er will zeigen, dass er wieder da ist, dass er fit ist, geistig und körperlich, dass er eingearbeitet ist. Anlass, Zweifel zu zerstreuen, gibt es genug. Noch am Morgen konnte Althaus in einer Zeitung die hämische Frage lesen, ob er wohl an der Hand seiner Frau auftreten werde. Das Bild des irgendwie neben sich stehenden Ministerpräsidenten, es ist in den Köpfen noch sehr präsent.

In den folgenden 50 Minuten erleben die Zuschauer dann eine erstaunliche Wandlung. Althaus redet sich Schritt für Schritt in die Normalität zurück. Der Funktionär Althaus ist wieder da.

Anfangs geht das noch stockend. Da haspelt er über Grundsteinlegungen hinweg, spricht von Fördersätzen, die erhöht würden, verheddert sich in den Zahlen des Konjunkturprogramms. Immer noch ausdruckslos, immer noch unbewegt.

Doch spätestens als er bei den Problemen des Opel-Werkes in Eisenach angekommen ist, hat er sich freigesprochen. Der Blick ist nun offener und nimmt das Publikum in seiner ganzen Breite, nicht nur die unmittelbar vor ihm Sitzenden, wahr.

Vielleicht hilft ihm, dass er nicht ohne Botschaft zurückgekommen ist. Die Landesregierung werde ein Hilfspaket für Opel schnüren, kündigt er an. Die Medien sollen noch etwas anderes zu schreiben und zu senden haben, als nur Analysen seiner Mimik. Und natürlich ist er voller Pläne. Eine lange Liste von Terminen zählt er auf, die er allein in den nächsten zwei Wochen – bis zum Landesparteitag – absolvieren will. Althaus nicht belastbar? "Es gibt keine Einschränkungen", sagt er hinterher auf Nachfrage. Die Rehabilitationsphase sei abgeschlossen.

"Ich fühle mich gut", schließt er seine Ausführungen. Und setzt nicht ohne Stolz hinzu "ich habe viel dafür getan". Er werde "voll" in der Verantwortung stehen, fügt er noch an. Und das "voll" kommt besonders laut heraus.

Ist Althaus also wieder der Alte? Er ist es vielleicht zu sehr. Ein Charismatiker war er nie. Jetzt fällt es ihm umso schwerer, sein persönliches Drama auch spürbar werden zu lassen.

Sicher weiß er, dass der Skiunfall ihn so schnell nicht loslassen wird. "Ich werde mich allen Fragen und Diskussionen stellen", kündigt er an. Denn diese seien berechtigt.

Und doch, ob ihn die Tatsache, dass er für den Tod eines Menschen verantwortlich ist, verändert hat, inwiefern ihn dies, wie er behauptet, geprägt hat und auch seine Politik verändern wird, wird nicht deutlich. Zwar redet er über "die Zerbrechlichkeit des Lebens", über die "ethische Dimension" von Politik – doch das alles bleibt formelhaft.

Noch deutlicher wird dies bei der Schuldfrage, die ihm natürlich auch am Tag seines Neustarts nicht erspart bleibt. Ein "ich fühle mich schuldig" kommt ihm auch diesmal nicht über die Lippen. Stattdessen hat er sich die Formel zurecht gelegt, dass er die Verantwortung für die Schuld übernehme, die ein Gutachten erwiesen habe.

Weil er sich weder an den Unfall noch an die zwei Wochen danach erinnern kann, könne er mehr nicht sagen. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass Althaus über den Unfall spricht, als wäre er einem Dritten passiert.