Ein Anschreiben, ein Werbeflyer. Das Anschreiben mit der Adresse nach oben, den Flyer dahinter. Beides in den Umschlag. Zukleben. Mit der Adresse nach vorne in die gelbe Postkiste. Fertig. Der nächste.

Sylvia ist ihre Arbeit sehr wichtig, "weil es Spaß macht". Sylvia ist geistig behindert. Aber jetzt kann sie nicht mehr reden, sie muss sich konzentrieren. "Wenn man nicht aufpasst, kann man die Adressen vertauschen. Dann muss man alles noch mal machen."

Sylvia arbeitet bei Alsterpaper, der Druckerei des Hamburger Beschäftigungsträgers Alsterarbeit. Sie ist eine von 1200 Mitarbeitern mit Handicap. Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wenn Jobs rar sind, fragt sich:  Wieso müssen auch noch Arbeitsplätze für kranke Menschen gefunden werden? Wozu beschäftigen Träger wie Alsterarbeit Menschen, die ohnehin Sozialhilfe beziehen? Warum soll arbeiten, wer das eigentlich nicht kann? Muss Arbeit sein – für jeden und um jeden Preis?

Alsterarbeit beschäftigt in seinen Betriebsstätten Geistig Behinderte, Psychisch Kranke und andere, die alleine nicht so gut zurechtkommen. Die Jobs bei Alsterarbeit gehören zu dem, was man als zweiten Arbeitsmarkt bezeichnet, vielleicht auch als dritten.

Gemein haben alle, die in den Werkstätten Briefe eintüten, Holz sägen oder Unkraut jäten, dass sie es in der freien Wirtschaft nicht schaffen. Zumindest im Moment nicht. Manche, weil sie nicht monate- oder jahrelang die gleiche Leistung bringen, sondern mal mehr und mal weniger bewältigen können. Andere, weil sie Auftrags- und Zeitdruck nicht gewachsen sind. Psychisch Kranke, weil sie in regulären Jobs viel Energie darauf verwenden, die Symptome ihrer Krankheit zu verbergen und dann keine mehr für ihre Arbeit haben.

In erster Linie, sagen Arbeitssoziolgen, bedeutet Arbeit Broterwerb. Wir sollen vom Lohn unserer Arbeit leben. Bei Alsterarbeit verdienen die Beschäftigen zwischen 180 und 200 Euro im Monat zusätzlich zu ihren Sozialleistungen. Damit können sie keine großen Sprünge machen, aber sagen: Ich verdiene mein eigenes Geld.

Arbeit gibt dem Alltag einen Rhythmus. Das kann den einen schnell langweilig werden, anderen aber helfen, sich in Raum und Zeit überhaupt zu Recht zu finden. Die geistig behinderte Sylvia arbeitet acht Stunden am Tag. Sie hat von zwölf bis viertel vor eins Mittagspause und um 16.45 Uhr Feierabend. An fünf Tage in der Woche. Das tut ihr gut.