Der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold veröffentlichte vor einigen Jahren ein Buch über Veränderungen der globalen Protestkultur. Rheingold träumte von einer neuen, drahtlosen Basisdemokratie: Durch mobile Internetzugänge bekämen verstreute Protestgruppen die Möglichkeit, sich schnell zu großen Demonstrationen zusammenzuschließen und innerhalb kürzester Zeit auf Regierungspolitik oder Konzernentscheidungen reagieren zu können. Diese Gruppen nannte er "Smartmobs".

Seit dem vergangenen Wochenende wissen wir, dass Rheingold falsch lag. Das Internet bringt nicht mehr Menschen auf die Straße. Der Protest verlagert sich mehr und mehr ins Virtuelle. Über das Osterwochenende schlugen Blogger und Benutzer des sozialen Netzwerkdiensts Twitter Alarm und warfen dem Online-Buchhändler Amazon vor, klammheimlich eine Zensur gegen homosexuelle Autoren und Themen einzuführen. Tatsächlich waren Bücher wie Brokeback Mountain von Anne Proulx, das als Vorlage für den gleichnamigen Film diente, und der Coming-Out-Roman Der geschlossene Kreis von Gore Vidal nicht mehr unter der Standard-Suche auffindbar.

Außerdem hatten sie ihren Platz in den Verkaufsranglisten verloren, die Amazon in allen Buchkategorien führt. Sogar Lady Chatterleys Liebhaber von D.H. Lawrence war betroffen. Dies sorgte für besonders viel Wirbel, da dieser Roman lange verboten war und erst 1960, über 30 Jahre nach seinem Entstehen, veröffentlicht werden dürfte. Der Fall gilt in der englischsprachigen Welt als Paradebeispiel für eine verklemmte Zensur.

Die Bedeutung von Verkaufsrängen und die allgemeine Sichtbarkeit eines Buches auf Amazon ist nicht zu unterschätzen. Zwar gibt das Unternehmen keine Verkaufszahlen bekannt, doch gehört Amazon zu den ganz großen Nummern im Netz. Alleine die deutsche Webseite besuchen laut des Medieninformationsdiensts Nielsen NetRatings jeden Monat über 13 Millionen Benutzer.

Innerhalb weniger Tage breitete sich die Online-Entrüstung über die ganze Welt aus: Autoren protestierten, Tausende von aufgebrachten Lesern schrieben Beschwerdemails, eine Online-Petition wurde eingerichtet. Benutzer der Amazon-Webseite richteten das Schlagwort amazonfail ein, unter dem alle betroffenen Titel aufgeführt wurden. Auf der deutschen Amazon-Seite berichteten aufgebrachte Benutzer, dass unter dem Suchbegriff "Homosexualität" nun als erstes Ergebnis der Ratgeber Selbsttherapie von Homosexualität erscheine. Manche witterten eine Verschwörung von christlichen Fundamentalisten in der amerikanischen Konzernzentrale.

Am Ostermontag veröffentlichte Amazon dann als Antwort auf die Aufregung eine Stellungnahme, in der ein "unerfreulicher und ärgerlicher Katalogfehler"  als Grund für das Verschwinden der Bücher angegeben wurde. Eine gezielte Säuberungsaktion gegen homosexuelle Autoren hätte es nicht gegeben: "Tatsächlich waren insgesamt 57.310 Bücher in einer Reihe von Kategorien wie Gesundheit, Körper & Seele, Fortpflanzung, sexuelle Medizin und Erotik betroffen." Viele der betroffenen Titel, darunter Der geschlossene Kreis und Lady Chatterleys Liebhaber, haben mittlerweile wieder einen Verkaufsrang und in der Erklärung versprach Amazon, die restlichen Fehler "schnellstmöglich zu korrigieren".