Zwei Jungen laufen mit Maschinenpistole und Gewehr in der Hand durch die Schulmensa. Kurz zuvor sind Menschen in Panik geflohen. Die Jungen schießen – auf wen sieht man nicht. Der Film läuft in schwarz-weiß, die Bilder wackeln, dennoch genießt der Streifen auf so mancher Seite im Internet Kultstatus. Eine Überwachungskamera der Columbine High School in der amerikanischen Kleinstadt Littleton in Colorado hat die Szene aufgenommen. Zu sehen ist ein Verbrechen, das Amerika und die Welt erschütterte. Zu sehen sind Eric Harris und Dylan Klebold bei ihrem Amoklauf vor zehn Jahren.

Am 20. April 1999 erschossen die beiden 17- und 18-jährigen Teenager zwölf Mitschüler, einen Lehrer, verletzten 24 weitere Opfer schwer und töteten sich danach selbst.

Den Tätern beim Schießen zuzusehen, übt auf manche einen gefährlichen Reiz aus. 4420 Treffer ergibt die Suche nach dem Stichwort "Columbine" bei der Videocommunity YouTube. Die meisten Filme zeigen die Täter, während sie durch die Schule laufen. Einige Kommentare unter den Videos feiern Harris und Klebold als Helden. "Ich werde sie nie vergessen. Sie haben so vielen beigebracht, für ihre Rechte einzustehen", schreibt ein User. Auf einer anderen Videoseite, Metacafe, läuft der Film "Columbine Massaker". Ein Nutzer schreibt dazu: "Ruhet in Frieden, Eric H. und Dylan K.". Der User "Infinitywraith" ergänzt: "Eric Harris und Dylan Klebold, wahre Helden unseres Zeitalters." Die Einträge sind kein halbes Jahr alt.

Manche bewundernde Kommentare mögen auf pubertäre Lust am Provozieren zurückzuführen sein. Doch Gewaltforschern bereitet die Popularität der Amokläufer Sorgen. Sie befürchten, dass seelenverwandte Jugendliche von den Videos, Medienberichten und Originaldokumenten angeregt werden, die Tat zu wiederholen. Eine Befürchtung, die nicht unbegründet scheint: Bis heute orientieren sich die meisten jugendlichen Amokläufer an Harris und Klebold.

Bereits einen Monat nach der Tat, im Mai 1999, stürmte ein Schüler mit einem Gewehr die Heritage High School in Conyers bei Atlanta. Der 15-Jährige schlug ebenfalls in der Kantine zu. Er schoss mehreren Mitschülern in den Rücken – alle überlebten die Tat. Der Schütze wurde festgenommen und gestand, von der Tat in Littleton inspiriert worden zu sein.

Nachahmer gab es auch in Japan, Deutschland, Kanada und Skandinavien. Die Attentäter ähneln sich und auch die Taten. Die Amokläufer sind alle männlich, meist soziale Außenseiter und sehen sich als Opfer. Sie stilisierten sich zu Rächern und wollen diejenigen bestrafen, die sie ausgegrenzt haben.