Prinz Charles hat mal wieder Grund, über den Mangel an Respekt zu klagen; die einstige "culture of deference", die Kultur der Unterwürfigkeit, ist auch in Großbritannien längst rüder Respektlosigkeit gewichen. "Shut up or step down", "Halt den Mund oder tritt zurück" heißt es heute im Leitartikel des Guardian. Das Blatt, so etwas wie das Zentralorgan des linksliberalen Kultur-Establishments, mag insgeheim hoffen, seine scharfe Kritik am britischen Thronfolger werde nicht nur auf breite öffentliche Sympathie stoßen, sondern zugleich die ungebrochene Popularität der Monarchie erschüttern helfen, gegen die man seit Jahrzehnten vergeblich Sturm gelaufen ist.

Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: Der Prinz hat sich in eine Debatte über ein Architekturprojekt eingemischt, obwohl er streng genommen nur würdig zu schweigen hat. Schlimmer noch, er scheint seine Beziehungen zur königlichen Familie von Quatar spielen zu lassen, um ein verhasstes Bauprojekt in London zu verhindern. Wie undemokratisch, welch eine Verhöhnung des "demokratischen Planungs- und Entscheidungsprozesses", sagen seine Widersacher.

Die Liste der Protestler gegen monarchische Anmaßung ist lang und eindrucksvoll. Beinah alles, was in der Architekturbranche Rang und Namen hat, unterzeichnete den Brief an die Sunday Times – Lord Foster, Jaques Herzog Pierre de Meuron, Renzo Piano, Zaha Hadid und Frank Gehry. Sie verweisen auf andere Fälle des prinzlichen Pharisäertums, dessen Vorliebe für neoklassizistische Architektur ihnen ohnehin ein steter Dorn im Auge ist.

Was hier abläuft ist ein Machtkampf zwischen neuer und alter Elite. In diesem Konflikt das Interesse des Volkes oder demokratische Prinzipien zu beschwören, dient einzig dazu, die eigene Position in möglichst günstigem Licht erscheinen zu lassen. Wobei Prinz Charles immerhin so ehrlich ist, sich gar nicht erst auf Volkes Willen zu berufen. Er verkörpert, um die Kategorien Max Webers zu benutzen, die traditionelle Form der Herrschaft, die in der Monarchie ihre Entsprechung fand; die Garde der modernen Architekten versteht sich als Teil der rationalen Herrschaft, die mit der Republik Wirklichkeit wurde.

Beiden Seiten, Monarchie wie moderne Kultureliten, ist der Willen des Volkes dabei ziemlich schnuppe, ja, man darf getrost annehmen, dass sie dessen Instinkte und Wünsche insgeheim mit Abscheu betrachten. Wahrscheinlich können die Kultureliten als Verfechter der Moderne in Architektur und Musik mit der emotionalen, populären Kategorie der Herrschaft, die sich in der Entwicklung der westlichen Gesellschaften in Massenmediendemokratien manifestiert, noch weniger anfangen als der Prinz. Wie anders soll man sich die "Beton Brutal"-Sünden im Städte- und Wohnungsbau der letzten 40 bis 50 Jahre erklären, in denen auf die Wünsche der Menschen keine Rücksicht genommen wurde.