Wenn Angela Merkel über die emotionalen Momente ihrer Karriere spricht, kommt sie schnell auf die Bundestagsdebatte vom 20. Juni 1991. Zur Abstimmung stand, von wo die Deutschen künftig regiert werden sollen. Weiter in Bonn, so wie die 42 Jahre zuvor? Oder in Berlin, wie man es immer ankündigt hatte für den Fall, dass die Mauer eines Tages fallen würde? Die Abgeordneten waren gespalten. Der Riss ging quer durch alle Fraktionen. Langjährige Parteifreundschaften zerbrachen in diesen Tagen.

Eigentlich sah es so aus, als würde Bonn knapp gewinnen. Die BILD am Sonntag hatte die Stimmung angeheizt. Durch eine anonyme Umfrage ermittelte sie, dass die Mehrheit der Abgeordneten insgeheim am Rhein bleiben wollte. Das deckte sich mit dem Willen der Bevölkerung, die Berlin in Umfragen mehrheitlich als neue Hauptstadt ablehnte – die ganzen neunziger Jahre lang.

Der prominenteste Berlin-Gegner unter  den Politikern war damals der Sozialminister Norbert Blüm. Leidenschaftlich warnte er vor einem Verlust der "Bonner Bescheidenheit", wenn die Politik in die fremde Metropole im Osten umsiedeln würde: "Wir haben uns nicht zum Deutschen Reich wiedervereint". Auch später, als es darum ging, ein Gebäude für das Ministerium auszuwählen, blieb Blüm ein Berlin-Muffel. Anders als seine Kabinettskollegen nahm er den neuen Dienstsitz kein einziges Mal in Augenschein. Blüm sagte, er sei und bleibe ein Mensch mit "Schrebergartenverstand".  

Wie Blüm ging es damals vielen Deutschen. Mit dem drohenden Hauptstadtumzug fühlten sie sich in ihrer vertrauten Idylle bedroht. Das "Symbol Bonn" war in den frühen neunziger Jahren ein geflügelter Begriff. Selten zuvor waren die Vorzüge der kleinen, unaufgeregten Hauptstadt so gepriesen worden wie in den Jahren nach der Wende. Die westdeutsche Demokratie sei gerade wegen ihr so gut gediehen, hieß es damals in vielen Leitartikeln: Bonn stehe für den Föderalismus, Bonn repräsentiere den maßvollen Wohlstand, Bonn komme im Ausland gut an. Berlin dagegen war eine Projektionsfläche für alles Fremde, Maßlose, Ungezügelte, Belastete.

Dennoch verlor Bonn im Juni 1991, wenn auch äußerst knapp, mit 320 zu 338 Stimmen. Viele Abgeordnete entschieden sich erst im letzten Moment. Sie ließen sich von Blüms Gegner in dieser Frage überzeugen. Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, hielt eine große, patriotische Rede. Er packte die Parlamentarier bei der Ehre, sagte, sie dürften nicht ihren Wahlkreisen verpflichtet sein, sondern ihrem Land, dessen Geschichte und Zukunft. Die Blüm'sche Biedermeier-Rhetorik wirkte dagegen selbst auf manchen Umzugskritiker piefig.

Trotz der Entscheidung des Bundestags blieb der Umzug auch in der Folgezeit ein Dauerthema. Fast wöchentlich meldeten sich Politiker oder Zeitungen, die Berlin verhindern oder wenigstens verzögern wollten. Allerdings ging es bald nicht mehr um die Symbolik, sondern vor allem um die Kosten des Umzugs.