Chinas Pflanzen versagen als CO2-Puffer – Seite 1

Seit Ende 2006 steht China an der Spitze der weltweiten Klimasünder: Kein Land stößt größere Mengen an Kohlendioxid aus. Doch das ist nur ein Posten in Chinas CO2-Bilanz. Denn das Kohlendioxid wird von den Ökosystemen des Landes zum Teil wieder aus der Atmosphäre aufgenommen. Wie viel, haben jetzt erstmals Forscher ermittelt.

Anders als der Mensch, atmen Pflanzen Kohlendioxid, das sie brauchen, um aus Licht und Wasser Energie zu gewinnen. Dabei produzieren die Pflanzen Sauerstoff, den wiederum andere Lebewesen zum Überleben brauchen. Seit der Industrialisierung pustet der Mensch Kohlendioxid in die Atmosphäre – mehr als alle Pflanzen zusammen aufnehmen können. Die Folge ist der weltweite Klimawandel. Um ihn zu bekämpfen, hoffen viele Länder auf Pflanzen als natürliche CO2-Schlucker.

Die chinesische Pflanzenwelt verwertete in den achtziger und neunziger Jahren immerhin eine Menge Kohlendioxid. Rund 190 bis 260 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr schluckten die Ökosysteme. Das berichtet jetzt ein internationales Forscherteam um Shilong Piao von der Universität Peking im Magazin Nature.

Die Ökosysteme hätten damit etwa ein Drittel der chinesischen Emissionen wieder wettgemacht. Ein ähnliches Ergebnis wurde in früheren Studien auch für die USA ermittelt. Diese Zahlen könnten auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember dieses Jahres eine Rolle spielen, wo globale Reduktionsverpflichtungen für Treibhausgase vereinbart werden sollen.

Um eine Bilanz der CO2-Speicherung in China aufzustellen, sammelten die Forscher Daten aus staatlichen Registern von Biomasse und Kohlenstoff im Boden, prüften Satellitenbilder der Vegetationsdichte und zogen Messungen des CO2-Gehalts in der Luft hinzu. Schließlich ergänzten sie die Analyse mit Hilfe von Computermodellen für Luftströmungen und Ökosysteme. 

Dass die chinesische Vegetation immer größere Mengen an Kohlendioxid aufnehmen konnte, liegt an mehreren Faktoren: Seit 1980 ergrünte der Süden des Landes, weil es mehr regnete. Außerdem wurden staatliche Aufforstungsprogramme durchgeführt. "Ein Viertel der Forste weltweit befinden sich in China", sagte Koautor Stephen Sitch auf der Konferenz der Union Europäischer Geowissenschaftler (EGU) in Wien. Sitch forscht am Hadley-Zentrum des britischen Wetterdienstes in Exeter.

Ein weiterer positiver Effekt: Die Landbevölkerung zog zunehmend in die Städte. Dadurch wurde auf dem Land weniger Brennholz gesammelt – Sträucher konnten besser gedeihen. Zudem wurde der Ackerbau ausgeweitet; der vermehrte Pflanzenwuchs verbesserte die CO2-Speicherung zusätzlich.

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Fachleute nehmen aber an, dass die Vegetation den rasanten Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen kaum bremsen wird. Der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge dürfte Chinas CO2-Ausstoß im Jahr 2030 ungefähr 3,1 Milliarden Tonnen Kohlenstoff entsprechen – das wäre doppelt so viel wie 2006.

Auch Kevin Gurney von der Purdue-Universität im US-Staat Indiana beurteilt die Entwicklung der chinesischen CO-Emissionen skeptisch. Selbst wenn die Vegetation des Landes weiter zunähme, dürfte dies die Kohlendioxid-Bilanz kaum verbessern, kommentierte er in Nature. Der Ausstoß des Klimagases wachse zu schnell.

Fachleute halten es sogar für möglich, dass die chinesische Pflanzenwelt in Zukunft weniger CO2 aufnimmt. Einer der Gründe klingt zunächst paradox: Abnehmender Smog könnte das Wachstum der Pflanzen abschwächen. Von dieser überraschenden Erkenntnis berichteten Forscher ebenfalls auf der Tagung in Wien.

Sie stellten fest, das Pflanzen unter verschmutztem Himmel mehr CO2 vertilgen als bei einer sauberen Atmosphäre. Trüben viele Smogpartikel den Sonnenschein, dringt zwar weniger Licht durch die Atmosphäre hindurch, aber unter einem Blätterdach kann es trotzdem heller sein. Denn die Schmutzpartikel streuen das Licht – und das ist optimal für die Photosynthese der Pflanzen. "Unter dunstigen Bedingungen bei starker Luftverschmutzung gedeihen Pflanzen oft besonders gut", sagte Steven Sitch, der an dieser Studie ebenfalls mitgewirkt hat.

Seit 1980 beobachtet man in vielen Regionen der Erde nach Jahren der Luftverschmutzung wieder einen klareren Himmel. Das sagte auf der Tagung der Studien-Koautor Martin Wild von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Begonnen habe der Trend in den USA und Europa. Wird die Luft weltweit sauberer, bedeutet das für die CO2-Aufnahme durch die Pflanzen nichts Gutes, befürchten die Forscher.

In China dürfte der Smog erst schwächer werden, wenn dort wirksame Maßnahmen zur Luftreinhaltung ergriffen werden. Dann nimmt die Vegetation auch dort weniger CO2 auf. Die weltweiten Anstrengungen, den Gehalt des Treibhausgases in der Luft zu begrenzen, dürfte das erschweren, glaubt Steven Sitch: "Unsere Studien zeigen, dass wir die Emissionen der Treibhausgase noch drastischer verringern müssen als angenommen, um ein bestimmtes Reduktionsziel zu erreichen".