Der Dirigent Gustavo Dudamel und sein Simón Bolívar Jugendorchester © novapool

In ganz Venezuela gibt es mittlerweile 270 Musikzentren, die sich auf Städte und ländliche Gemeinde verteilen. Aufgenommen werden Kinder ab zwei Jahren. Das Besondere an Abreus pädagogischem Ansatz ist, dass die Kleinen sofort in ein Orchester kommen und gemeinsam mit anderen das Musizieren erlernen. Jahrelanges Üben allein zu Hause ist kein Thema. Stattdessen wird von den jungen Menschen verlangt, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

Nicht jeder Ton sitzt auf Anhieb, aber darum geht es auch nicht in erster Linie. Die Kinder sollen Verantwortungsgefühl entwickeln und sich als Teil eines sozialen Ganzen fühlen – denn davon ist Abreu überzeugt. "Ausgrenzung ist die Wurzel allen Übels in der Gesellschaft". Deshalb dürfe Kunst nicht nur einer Minderheit zugänglich sein. In dem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung unter Armut leidet, steht das Orchestersystem auch denjenigen bei, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.

Junge Strafgefangene dürfen Musik machen, für behinderte Kinder wurden eigene Chöre geschaffen. Einer davon ist der Chor der weißen Hände, in dem hörgeschädigte und sogar taube Kinder durch rhythmische Bewegungsübungen ein Gefühl für Musik bekommen. Weltbekannte Dirigenten wie Simon Rattle und Claudio Abbado waren tief beeindruckt von den Kindern, die weiße Handschuhe tragen und ihre Arme voller Freude in den Himmel recken.

Wer in das System aufgenommen wird, muss bereit sein, regelmäßig zu üben. An sechs Tagen in der Woche wird musiziert, zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben. Beethoven, Wagner und Tschaikowsky stehen ebenso auf dem Programm wie Villa-Lobos und andere lateinamerikanische Komponisten. Miteinander zu musizieren bedeutet auch, miteinander Fortschritte zu machen – und sei es nur an Papierinstrumenten, an denen die Allerkleinsten ihre ersten Griffe ausprobieren. Disziplin ist für die Mitglieder der Orchester kein Schreckgespenst, sondern der Weg zu ihren Zielen.