Was ist eigentlich aus dem Vertrag von Lissabon geworden? So groß war der Aufruhr, als die Iren im vergangenen Jahr mit "No" stimmten, so kleinlaut waren die europäischen Regierungschefs, die bedröppelt vor den Scherben des so mühevoll ausgehandelten Vertragswerks standen. Dann machten in den USA ein paar Hausbesitzer Pleite, und niemand redete mehr davon.

Im Schatten der Finanzkrisenhysterie hat eine Gruppe von 55 Dichtern, darunter der irische Nobelpreisträger Seamus Heaney und der portugiesische Autor Paulo Teixera, die Scherben zusammengefegt und eine neue europäische Verfassung geschrieben – in Versen. Die Dichter orientieren sich an dem ursprünglich geplanten Verfassungstext, aus dem der arg verwässerte Vertrag hervorging. Wie dort gibt es eine Präambel und verschiedene Teile über die Ziele der Union, die Rechte der Bürger und die gemeinsame Politik.

"All of us together, people of Europe", heißt es da, "Europe the old/Of warriors and bulls, Europe the new, slumber and peace,/We, people of Europe, so different, so much alike,/Of all professions, trades and crafts, humble and proud,/Costly and beggarly, labour and learning, sad and glad."

Das klingt natürlich gleich viel bewegter als "Pluralimus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern", wovon etwas steif im Vertrag von Lissabon die Rede ist. Obwohl damit wahrscheinlich dasselbe gemeint ist.

Die belgische Künstlergruppe Brussels Poetry Collective setzte Anfang 2008 eine Rohfassung der poetischen Verfassung auf und schickte sie an Dichter in allen Ecken Europas, die etwas hinzufügen, darauf reagieren oder verändern sollten. Der fertige Text spiegelt auf rund 100 Seiten das ganze Problem des europäischen Projekts wider: Jeder Autor schrieb in seiner Muttersprache, die Texte wurden dann noch einmal von den Organisatoren neu angeordnet, manchmal sogar auseinandergerissen und mit Zeilen aus anderen Gedichten vermischt.

So ist die Originalversion ein vielstimmiges Durcheinander oder – boshaft gesagt – eine Kakophonie. Mittlerweile gibt es zwar Übersetzungen in Englisch, Niederländisch und Französisch, aber das Kuddelmuddel der verschiedenen Sprachen, Stile und Themen ist gleichzeitig auch das wirklich Reizvolle: an dem Kunstprojekt und an Europa. Mit ihrer grenz- und sprachübergreifenden Zusammenarbeit sind die Dichter jedoch die Avantgarde. Laut dem österreichischen Autor Franzobel, der neben Ulf Stolterfohlt die deutsche Sprache bei dem Projekt vertrat, gibt es unter der nicht-dichterischen Bevölkerung noch große Berührungsängste.