Aus dem Radio klingen leise deutsche Schlager, Sonnenstrahlen dringen durch die Fensterscheibe. Im Büro des Schichtleiters im Grenzdurchgangslager Friedland herrscht eine entspannte Ruhe. Der Schichtleiter sitzt hinter einem Tresen und wartet. Es klopft, zwei Männer und eine Frau kommen herein. "Guten Tag", sagt ein Mann im Trainingsanzug. Er presst die Wörter heraus, spricht mit osteuropäischem Akzent. Der Beamte winkt die Neuen herein.

Die Drei sind gerade im Grenzdurchgangslager angekommen, sie haben eine weite Reise hinter sich, aus Russland kommen sie und wollen in Deutschland ein neues Leben beginnen. Friedland ist ihre erste Station in der neuen Heimat, hier lernen sie Deutsch, hier machen sie Integrationskurse.

Der Schichtleiter nimmt ihre Namen auf, weist ihnen Zimmer zu und schickt die Gruppe zu einer Kollegin, die mit ihnen Anträge ausfüllt. Fast zwei Wochen dauert es meist, bis ein "Aufnahmeprozess" abgeschlossen ist. Momentan leben vor allem Russlanddeutsche und Juden aus Israel und Osteuropa in Friedland. Seit März kommen neue Bewohner hinzu: Deutschland hat sich bereit erklärt, 2500 irakische Christen aufzunehmen. Die christlichen Minderheiten werden im Irak verfolgt, sie sind Opfer von Terroristen und Kriminellen.

In Friedland beginnt für sie ein Leben ohne Angst. Das Lager liegt in Niedersachsen, direkt an der Autobahn 7, in der Nähe von Göttingen. Es wurde noch vor der Bundesrepublik gegründet, auf Anweisung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. 1945 zogen hunderttausende Entwurzelte durch das Land, die eine Anlaufstelle brauchten. In Friedland gab es leere Ställe der Universität Göttingen, in einem ehemaligen Kuhstall wurde die erste Flüchtlingsunterkunft eingerichtet. In den folgenden Jahren wurden neue Gebäude gebaut, in jeder Epoche kamen andere Flüchtlinge in das Lager. Friedland spiegelt die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wider.

Im Grenzdurchgangslager fanden stets Menschen Unterkunft, die aus großer Not nach Deutschland kamen: Erst lebten hier die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs. Dann kamen die ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die nach und nach aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückkehrten.

Das Lager liegt im Dreiländereck zwischen Hessen, Niedersachsen und Thüringen. Dort verlief die Grenze der britischen, amerikanischen und russischen Besatzungszone und später die Grenze zwischen West- und Ostdeutschland – deswegen auch der Name Grenzdurchgangslager. Heute gibt es in Europa keine Grenzen mehr, die Flüchtlinge kommen aus Asien und Arabien.

Draußen vor dem Verwaltungsgebäude spielen Kinder. Zwei Mädchen pressen ihre Nasen an eine trübe Fensterscheibe und versuchen ins Innere einer Hütte zu schauen. Sie reden russisch und fragen sich wohl, was in diesem merkwürdigen Haus gelagert wird. Es sieht aus wie eine in der Mitte geteilte Tonne, an deren Enden jemand Holzbretter als Vorder- und Rückwand angebracht hat. Nissenhütte heißen diese Notunterkünfte im Volksmund. In dieser Hütte wohnt seit Langem niemand mehr, sie steht zur Erinnerung an den Beginn des Grenzdurchgangslagers Friedland.