Der Begriff "gendersensible Musikgeschichte" ist hölzern genug. "Geschlechtersensibel" klingt kaum spannender. Umso mehr Mühe geben sich die Musikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler beim Forschungsprojekt History/Herstory , dass ihr Thema nicht so spröde bleibt.

Deshalb hat das Team um die Kölner Professorin Annette Kreutziger-Herr die Gesamtausgabe der Werke von Louise Farrenc nicht nur in seine Bibliothek gestellt, sondern auch diversen Dirigenten angepriesen: Ob die Komponistin, die Kreutziger-Herr "eine Art Beethoven-Nachfolgerin in Frankreich" nennt, nicht die eine oder andere Aufführung wert wäre? Die Professorin zitiert die Antwort eines Generalmusikdirektors: "Ich habe schon genug Frauen in meinem Leben."

Es sind noch dicke Bretter zu bohren in der Musikgeschichte. In diesem Fach kommt sich mancher schon schwer gendersensibel vor, wenn er Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, und Clara Schumann, geborene Wieck, unter die wichtigsten deutschen Komponisten quotiert – beide wurden, ungeachtet ihrer tatsächlichen Qualitäten, vor allem bekannt durch den Bruder (Felix Mendelssohn Bartoldy) respektive den Ehemann (Robert Schumann). Aber Ilse Fromm? Julie und Vilma von Webenau? Ruth Zechlin? Oder, außerhalb  Deutschlands, Cécile Chaminade? Ethel Smyth? Louise Bertin? Nie gehört.

Ein dickes Buch zum Projekt versammelt jetzt eine ganze Reihe Aufsätze, die ein breites Themenspektrum abdecken: von der Grundlagenforschung bis zur Exegese von Stücken und Plattenhüllen der weiblichen Black-Metal-Band Astarte, von mittelalterlichen Klöstern als Räumen weiblichen Musiklebens bis zu Frauen-Tribute-Bands à la Lez Zeppelin , vom fußnotensatten Theoriekonstrukt bis zum flotten Text im Reportagestil.

Der Grundgedanke des Buches ist der Bauplan für ein neues Haus der Musikgeschichte; der Band ist denn auch gegliedert in Abschnitte wie "Grund und Boden", "Blaupausen für den Städtebau" oder "Vom Reißbrett zum Bauen". Das Vorwort heißt "Bauplan", und die Illustrationen stammen aus Das Buch von der Stadt der Frauen , verfasst von der Gelehrtin Christine de Pizan im frühen 15. Jahrhundert.

Annette Kreutziger-Herr hält zweierlei für nötig: zum einen das Erforschen der Herstory , der bislang stark unterbelichteten Geschichte der Frauen in der Musik – und zum anderen die Dekonstruktion der männlichen Musikgeschichte. Denn, so erklärt die Professorin, es könne ja nicht sein, dass man einfach einen Anbau an das ohne Berücksichtigung der Frauen entstandene Gebäude klatscht und diese dort einmauert. Nein, ein neues Haus müsse her, aus dem Material des alten und den bislang nicht verwendeten weiblichen Bausteinen.