Der Hamburger SV hat im Oktober 1982 gerade Werder Bremen mit 3:2 aus dem DFB-Pokal geworfen – doch die Fans beider Klubs sprechen nicht über das Ergebnis, sondern nur über Adrian Maleika. Der 16 Jahre alte Werder-Anhänger ist vor dem Spiel zusammen mit anderen Bremern auf dem Weg zum Volksparkstadion von HSV-Fans angegriffen worden. Flaschen und Pflastersteine prasseln auf die Bremer nieder, ein Stein trifft Maleika am Kopf. Der Glaserlehrling erleidet einen Schädelbasisbruch und stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus, als erstes Opfer einer Fanfehde im deutschen Fußball.

Nachdem der Angriff bekannt wird, droht die ohnehin große Rivalität der beiden Fanszenen zu eskalieren. Narciss Göbbel, der Vorsitzende des damals einzigen deutschen Fanprojekts in Bremen, stand nur ein paar Meter entfernt, als die Steine flogen. "Danach gab es wüste Beschimpfungen", erinnert sich Göbbel. "Werder-Fans drohten den Hamburgern: Ihr werdet noch von uns hören!" Doch zu Racheakten und der befürchteten Gewaltspirale kommt es nicht.

Wenn Werder und der HSV am Mittwoch im DFB-Pokal und in den kommenden 19 Tagen auch im Uefa-Cup und in der Meisterschaft aufeinandertreffen, wird es voraussichtlich weitgehend friedlich bleiben. Denn der Tod Adrian Maleikas führte zu einem Treffen der rivalisierenden Fangruppen, das bis heute nachwirkt: dem Frieden von Scheeßel.

Nach der Tragödie ist den Verantwortlichen in Bremen und Hamburg klar, dass sie reagieren müssen. "Das war ein schrecklicher Schlag für alle, die sich für Fußball interessierten", sagt Willi Lemke, der Werder damals managte und nur 500 Meter entfernt von Maleika wohnt. In enger Zusammenarbeit mit dem Bremer Fanprojekt und Hamburger Fanklubs wird ein Treffen vereinbart, auf neutralem Boden. Man einigt sich auf die Kleinstadt Scheeßel, auf halbem Weg zwischen den beiden Städten. Ein Gasthof wird angemietet, neben Lemke reist auch HSV-Manager Günter Netzer an.

Der Saal füllt sich schnell, 200 Anhänger beider Klubs wollen ihre Meinung sagen, diskutieren. Und: zuhören. "Es begann eine Debatte: Wo sind die Grenzen der Auseinandersetzung? Wofür sind wir verantwortlich?", erinnert sich Göbbel. Am Ende der stundenlangen Veranstaltung steht eine Art Waffenstillstand und die Übereinkunft, Provokationen zu unterlassen und keine Rache für den Tod Adrian Maleikas zu nehmen. "Wir haben uns geschworen, dass wir uns zurückhalten müssen", sagt Lemke.

Das Experiment ist gelungen: Erstmals treffen rivalisierende Fußballfans in sachlicher Atmosphäre in einer moderierten Diskussion aufeinander und sprechen auch mit ihren Klubs auf Augenhöhe. Die Vereine sehen ein, dass sie eine Verantwortung für ihre Fans übernehmen müssen und viele Probleme nur gemeinsam mit ihnen lösen können. Der Erfolg von Scheeßel motiviert viele Klubs, ebenfalls Fanprojekte nach Bremer Vorbild ins Leben zu rufen.

27 Jahre später lieben sich die Fans der beiden Vereine immer noch nicht. "Die Beziehung ist eher wieder härter geworden, gerade bei den Hardcore-Fans", sagt Willi Lemke. Ein HSV-Sponsor verteilt in Hamburg Aufkleber mit der Aufschrift "Werder? Wer???", auch die Bremer Fans reisen am Mittwoch nicht zu einem Freundschaftsbesuch an. Der HSV-Fanbeauftragte René Koch erwartet für die Partie (Live-Blog auf ZEIT ONLINE) und die drei folgenden Derbys "sehr emotionale" Spiele. "Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Vereinbarungen von Scheeßel keine Lippenbekenntnisse waren", sagt Koch.