Fast einen Monat lang, vom 16. April bis 13. Mai, dauert der Urnengang in der größten Demokratie der Welt. Von den 1,1 Milliarden Indern sind 714 Millionen wahlberechtigt, das sind etwa neun Mal so viele Menschen, wie es in Deutschland Einwohner gibt. Damit sie alle die Chance zur Abstimmung bekommen, wird an insgesamt fünf Tagen gewählt. Mehr als 1,1 Millionen Wahlmaschinen stehen dafür in fast 830 000 Stimmlokalen bereit. Die Auswahl ist gigantisch: 5000 Kandidaten sind aufgestellt, und für den Posten des Premierministers bewirbt sich gleich ein Dutzend Anwärter.

Wahlen werden in dem Subkontinent auf dem Lande entschieden, wo zwei Drittel der Menschen teils in größter Armut leben. Und daher tingeln die Wahlkämpfer seit Wochen durch die 543 Wahlkreise. In Hubschraubern schweben sie wie lebende Götter in den Dörfern der Vergessenen ein und versprechen alles Mögliche: Strom, Wasser, Reis – denn das zählt für die Armen.

Doch die beiden größten Parteien, die sozialdemokratische Kongresspartei und die Hindu-Partei BJP, scheinen dieses Mal nicht in rechter Kampfeslaune zu sein. Beide legen einen derart müden Wahlkampf hin, dass die Medien spotten, sie bemühten sich verzweifelt, ja nicht zu gewinnen. Da könnte was dran sein. Denn die globale Krise könnte erst nach den Wahlen voll in Indien durchschlagen. Die Wachtumsprognosen für die indische Wirtschaft werden immer mehr nach unten korrigiert.

Regionalfürsten wittern ihre Chancen

Beide Parteien wollen ihre Hoffnungsträger nicht schon jetzt verbrennen. Die Kongresspartei baut gerade den 38-jährigen Rahul Gandhi auf. Und in der BJP wartet der 58-jährige Narendra Modi auf seine Stunde. Er gilt als der talentierteste Politiker Indiens – und der gefährlichste. Ihm wird das Massaker im westlichen Bundesstaat Gujarat angelastet, bei dem 2002 tausende Muslime attackiert wurden. Statt Gandhi schickt die Kongresspartei erneut Premierminister Manmohan Singh ins Rennen: angesehen, aber wenig charismatisch – und bereits 76 Jahre alt. Die BJP toppt das noch mit dem fünf Jahre älteren Lal Krishna Advani, einst für seine Hetze gegen Muslime berüchtigt, heute eher altersmilde. Kein Wunder, dass in Delhi über vorgezogene Neuwahlen schon in zwei Jahren spekuliert wird – und darüber, dass die jetzigen Wahlen nur die Generalprobe für den Zweikampf zwischen Gandhi und Modi sind.