Gaertner: Es kann nicht schaden, ein paar Waffen weniger auf der Welt zu haben. Aber ich glaube nicht, dass das zu weniger Amok- läufen führt. Wer wirklich will, kommt an Waffen. Letztendlich ist es auch egal, aus welchen Medien die Täter ihre Fantasien beziehen. In Computerkriegsspielen wie dem oft genannten Counterstrike stecken keine grundsätzlich anderen Ideen als in Filmen und Büchern. Problematischer ist ein medialer Dauerbeschuss.

Frage: Auffällig ist das Bedürfnis der Columbine- Täter, ihre Tat nach Vorbildern aus Filmen und Computerspielen zu inszenieren.

Gaertner: Stimmt. Und weil den Tätern das auch gelang, wurde Columbine so sehr zum Vorbild für andere Amokläufer. Sebastian Bosse, der Attentäter von Emsdetten, hatte in sein Tagebuch geschrieben: "Eric Harris ist mein Gott".

Frage: Was geht während der Tat in Amokläufern vor?

Gaertner: Das ist schwierig nachzuvollziehen, weil wir so wenige Dokumente haben. Über Columbine wissen wir, dass die Täter unterschiedlich gehandelt haben. Klebold tötete mit Freude, Harris mit soldatischer Ruhe. Und nach dem Massaker in der Bibliothek liefen die beiden 40 Minuten durchs Haus und taten nichts. Warum, weiß man nicht. Aber es liegt nahe, dass Enttäuschung eingesetzt hat: Das erlösende Finale blieb aus. Also wurden sie wieder zu Kindern, die mit ihren Waffen rumlaufen wie mit Spielzeug, und nicht wissen,was sie damit machen sollen.

Frage: Deutsche Behörden sind beim Umgang mit den Dokumenten von Amokläufern viel restriktiver als amerikanische. Ein Buch wie das Ihre wäre über Winnenden oder Erfurt nicht möglich. Bedauern Sie das?

Gaertner: Für beide Positionen gibt es Gründe. In Erfurt gab es eine quälende Diskussion über den Tathergang, noch verstärkt durch den unpräzisen offiziellen Untersuchungsbericht. Für die Familien der Opfer muss es sehr belastend sein, nicht zu wissen, wie ihre Partner oder Kinder gestorben sind. In Columbine sind Opferfamilien dafür eingetreten, alle Dokumente zu veröffentlichen. Wahr ist aber auch, dass die Veröffentlichung Nachahmungstätern eine Blaupause lieferte. Aus dem Widerspruch kommt man nicht raus.

Die Fragen stellte: Moritz Honert