Krise ist Normalzustand

Abseitig stehende Beobachter haben es in der heutigen Literaturszene nicht leicht. Entweder entscheiden Sie sich, in beinahe gängigem Ton zu schreiben und nehmen dadurch der Dringlichkeit Schärfe, oder sie fallen fast gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Der 1966 in Ost-Berlin geborene Johannes Jansen hat es geschafft, über Jahre hinweg kontinuierlich zu veröffentlichen, Lebenszeichen zur aktuellen Lage zu setzen und dem Topos "Literatur und Gesellschaft" aus einer wohltuenden (nicht nur sprachlichen) Distanz beizukommen.

In seinem neuen Suhrkamp-Bändchen Im Durchgang – Absichten gibt Jansen in 50 nummerierten Texten Auskünfte, auf der Suche nach den letzten, vorletzten und ersten Dingen. Es sind Beobachtungen, Analysen, Privatheiten und abstrahierende Reflektionen, die er montiert. Der Ton in diesem schmalen Buch ist einfacher als der anderer Bände Jansens, der 1996 den Preis des Landes Kärnten beim Bachmann-Wettbewerb und ein Jahr später die Ehrengabe der Deutschen Schiller-Stiftung erhielt.

"Das Korsett der Glückseligkeit. Wer muß nicht gewinnen? Dreimal ist raten erlaubt. Die Bestimmung zum Eigentum machen, das ist der Weg, sagt der Verkannte und liest den beliebten Sonnengesang ihrer Abwesenheit wegen, denn die Stimmung ist trüb. Er versteht alles ganz richtig, denn er will nicht verstehen, daß ihn gar keiner sieht. Doch er ahnt kaum, wie viele ihn kennen, ihn verkennen einer Ahnung wegen, die sie zu Mitwissern macht. Er meint ja nur das, was sie wissen, wenn sie allein sind. Aber auch er ist nicht allein." 

Das mag Manchem wie Kauderwelsch vorkommen. Doch geht es hier darum,  gesellschaftliche Normen und zeitgenössisches Bewusstsein zu beleuchten, sowie der Aufgabe des Dichters, dunklen Ahnungen eine Stimme zu verleihen. Jansens Buch ist eine Analyse des Zustands mit poetisch-philosophischen  Mitteln – gesehen von einem Autoren-Ich, das sich das Recht auf totalitäre Subjektivität zugesteht. Oder: "Verständnis schwächt, wie Sie wissen. Doch so lange Sie ihre Funktionen ernst nehmen, kann Ihnen nichts passieren. Also bleiben Sie ruhig …"

Jansen erzählt keine Geschichten im herkömmlichen Sinne, er setzt Prosa-Bruchstücke aneinander und konfrontiert die Leser mit einer Offenheit, einem Aufbruch. Ergebnisse und ihr mögliches Ausbleiben sind seine Themen. Eine Haltung, die auch in der experimentellen Literatur der sechziger und siebziger Jahre vorzufinden war. Befreit von der Erwartung, Literatur müsse das Leben nachbilden, Identitäten stiften, erarbeitet Jansen Möglichkeiten, Zusammenhänge und Fragen einfach stehenzulassen.

Hier operiert jemand nicht mit Todessehnsucht, sondern mit der Gewissheit. Das beruhigt. Mag aber für viele Leser befremdlich oder beängstigend sein. Jansen zu lesen aber heißt, den Wahnsinn des Alltags zu relativieren auf ein kleines Krächzen, das zwar schmerzt und stört, aber nicht ablenkt von dem, was zur Besinnung führt. Statt sich auszupumpen im Kampf gegen die Mähdrescher des Schneller-Höher-Weiter. Jansens Band ist sehr aktuell, denn er stellt die Krise auch als Erschöpfung des Glaubens dar, dass man sich aus ihr befreien könne. Die Krise ist ein Normalzustand, der so neu nicht ist.

Krise ist Normalzustand

"Was zählt, ist die Bestätigung durch ein eigenes Beispiel", schreibt er. Jansen beschreibt das Funktionieren dieser Gesellschaft als "ein geniales Spektakel, das Aussichten herstellt, die in Echtzeit einsetzbar sind". Viele seiner Sätze ringen nach Erkenntnis und sind befreiend in ihrer Wirkung. Der Band gibt eine Fülle von Anstößen und Diskutierbarem.

Der Verlag Peter Engstler gibt nun zeitgleich den Text Nach und nach ein Film heraus, den Jansen 1987 in Ost-Berlin als aus der Armee entlassener Soldat geschrieben hat. Eine Collage, die aus vielen Alltagsszenen, Reflexionen und Beobachtungen besteht und nicht so stark verdichtet ist. Die Angst vor Spitzeln, die Langeweile, die Arroganz der Funktionäre und das Darben, die Atmosphäre des auch innerlich eingeschlossenen Seins sind die Themen.

"Der Text drückt ein Lebensgefühl aus, das sich in jedem seiner späteren, zahlreichen Texte reproduziert: innere Spaltung und äußere Entfremdung. Angesichts des bald Schiffbruch erleidenden Sozialismus wirkt dieses Fragment entgegen der vormals offiziellen und offiziösen Beschönigung sozialismus-realistisch", schreibt der Verleger Engstler im Vorwort des 48-seitigen Büchleins. Und was bedeutet dies heute? "Es ist dieselbe Situation wie in der DDR der achtziger Jahre. Deshalb dieser Text", merkt Jansen im Februar 2007 an. Ein Statement. In der Tat, Nach und nach ein Film ist ein beklemmendes Dokument, das ein Lebensgefühl ausdrückt, das dem der heutigen Zeit nicht unähnlich ist. Es bleiben der Zerfall, die Existenznöte und ein vergebliches Suchen nach dem richtigen Leben im Richtigen.