Es dauerte etwas länger als die Jagd nach dem Heiligen Gral auf dem Bildschirm: Dreieinhalb Stunden lang lief Marcus Müllers Blut durch eine Blutsammelmaschine, die Stammzellen herausfilterte. "Das war eigentlich ganz entspannt: Ich hab’ dabei den Film Da Vinci Code auf DVD geguckt", sagt der 33-jährige Industriemechaniker. "Das war so spannend, dass man das andere vergaß!" Das andere war, dass seine Stammzellen kurz darauf einer Leukämiepatientin transplantiert werden sollten. Dass sie 38 war und Amerikanerin, erfuhr er erst später.

Marcus Müller ist einer von 236 Berlinern, die die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in den vergangenen 17 Jahren als Stammzellenspender vermittelt hat. 36 000 Berliner sind nach Angaben der Organisation in der Datei registriert. Die DKMS ist die größte der 30 Knochenmarkspenderdateien in Deutschland. Alle Dateien zusammen vermittelten vergangenes Jahr 4166 deutsche Spender, besagt das Zentrale Knochenmarkspender-Register, das alle Daten sammelt. Fast 3,5 Millionen potenzielle deutsche Spender sind dort registriert. Das Register sei damit das umfangreichste in Europa.

Wie spendenbereit die Deutschen sind, zeigte sich auch vor kurzem, als nach einem Spender für das Baby Helene gesucht wurde. Das sechs Monate alte Kind hat Leukämie – wie die meisten der Patienten, die eine Stammzellenspende brauchen. Rund 20 000 Menschen ließen daraufhin testen, ob sie als Spender in Frage kommen, darunter 6000, die zu einem Aktionstag im Februar ins Dahlemer Arndt-Gymnasium kamen.

Rund 5000 Menschen erkrankten jedes Jahr in Deutschland an Leukämie, sagt Martin Bornhäuser, Hämatologie und Leiter der Transplantationseinheit an der Uniklinik Dresden. Etwa bei der Hälfte komme eine Transplantation infrage. Damit sie aber auch wirklich zustande kommt, braucht man sehr viele potenzielle Spender, denn es ist nicht einfach, passende zu finden: Zehn Gewebemerkmale von Spender und Empfänger müssen übereinstimmen. Die Blutgruppe ist dabei allerdings egal. Die Chance, einen derartigen "genetischen Zwilling" zu finden, ist extrem gering. Und doch fand sich mithilfe der DKMS ein Spender für Helene und eine Empfängerin für Marcus Müllers Stammzellen.

Als im vergangenen Juli in der Uniklinik Dresden seine Stammzellen durch die Blutsammelmaschine liefen, war das für Markus Müller das Ende eines längeren Prozesses: Schon drei Jahre vorher hatte er sich registrieren lassen. Ein Arbeitskollege war an Leukämie erkrankt: "Das hat den Ausschlag gegeben." Letztes Jahr im April war es dann so weit – die DKMS teilte ihm mit, dass es eine Empfängerin gebe. Im Juni fuhr er zu Voruntersuchungen nach Dresden: EKG, Blut- und Urinproben, Ultraschall von den inneren Organen wie Magen und Darm.

Fünf Tage vor der eigentlichen Spende ging es richtig los: Müller musste sich jeden Tag eine Spritze setzen – ein Medikament, durch das "die Stammzellen aus dem Knochenmark gespült werden", sagt Hämatologie Martin Bornhäuser. Hat Müller irgendwann noch einmal gezögert? "In keinster Weise", sagt er sehr bestimmt. Er habe zwar gewusst, dass die Spritzen Nebenwirkungen haben könnten. "Müdigkeit, Erkältungserscheinungen und ein bisschen Knochenschmerzen. Aber ich hatte Glück und habe nichts davon gespürt."