Ein Opernskandal ist an sich nichts Ungewöhnliches. Zumeist protestiert das Publikum mit Pfiffen und Buh-Rufen gegen den Regisseur. Solisten, Chor und Dirigent nehmen ihn dann demonstrativ in ihre Mitte und lächeln stoisch über die tobenden Zuschauer hinweg. Ob sich alle auch hinter den Kulissen noch so einig sind, mag bezweifelt werden. Zumindest bleibt die Fassade gewahrt. Ganz anders geht es derzeit am Opernhaus Köln zu.

Eine Neuinszenierung von Camille Saint-Saëns' Oper Samson et Dalila hat bereits auf der Probebühne zu Zoff zwischen dem Regisseur Tilman Knabe und zahlreichen Mitwirkenden geführt. Knabes Version des biblischen Stoffes ist offenbar so brutal und blutig, dass sich mehr als ein Drittel des Chores wegen psychischer Überlastung krankgemeldet hat. Massenvergewaltigungen und Kämpfe mit Maschinengewehren hätten die Darsteller bis an ihre Grenzen getrieben, berichteten lokale Medien aufgeregt.

Auch Solisten scherten aus. Für die Mezzosopranistin Dalia Schaechter, die die Titelrolle singen sollte, wurde offenbar bereits Ersatz gefunden. Der Dirigent Enrico Delamboye sah durch den rapiden Sängerschwund das musikalische Niveau der Aufführung akut bedroht. Nur ein langes Krisengespräch mit der Opernleitung habe ihn noch zum Bleiben bewegen können, hieß es. Offizielle Stellungnahmen will das Haus erst nach der Klavierhauptprobe am Donnerstag abgeben. Bis dahin werden wohl alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die für den 2. Mai angekündigte Premiere zu retten.

Tilman Knabe ist bekannt für Inszenierungen, die die Grenzen des guten Geschmacks oft weit überschreiten. Mit Wagners Rheingold als Sexorgie und Gewaltszenen in Puccinis Turandot war er beispielsweise am Essener Aalto-Theater aufgefallen. Immerhin liefen ihm dort nicht die Sänger fort. In Köln scheint er den Bogen nun aber endgültig überspannt zu haben.

Der Intendant Peter F. Raddatz, der im Herbst neuer Generaldirektor der Berliner Opernstiftung wird, hält dennoch zu seinem Regisseur und wirft den Sängern mangelnde Belastbarkeit vor. Doch wie weit reicht künstlerische Freiheit? Wie viel müssen die Darsteller aushalten können, wann sind die Grenzen überschritten? Im Gegensatz zum Publikum sind diejenigen, die auf der Bühne agieren, rein physisch näher am Geschehen. Wenn Gewaltszenen so drastisch sind, dass die Mitwirkenden diese nicht mehr als Illusion erleben und Tabus verletzt werden, ist dringend Einhalt geboten. Kunst soll zwar verstören, ergreifen und Debatten auslösen. Wenn aber ein Regisseur nicht in der Lage ist, mit den Sängern eine gemeinsame Basis zu finden, diskreditiert er sich selbst.

Einen ähnlichen Streit provozierte im vergangenen Herbst eine Inszenierung von Wagners Fliegendem Holländer in Leipzig. Der Regisseur Michael von zur Mühlen zeigte ein Gewaltvideo mit einer Kampfhundattacke und einer Szene in einem Schlachthaus. Nicht nur dem Premierenpublikum war das zu viel, auch der Sänger der Titelpartie, James Johnson, warf das Handtuch. Pikanterweise hatte von zur Mühlen das Video ohne Abstimmung mit der künstlerischen Leitung vorgeführt. Das Opernhaus nahm die Inszenierung später erst in entschärfter Form wieder auf den Spielplan.